Forstwirtschaft: Aus dem Chaos wächst ein Baum

Forstwirtschaft
Aus dem Chaos wächst ein Baum

Waldbesitzer fürchten Stürme wie sonst nur den Borkenkäfer oder Feuer. Doch der Wald kehrt nach Windbruch mächtig zurück, wenn man ihn lässt - stabiler als zuvor und billiger als durch Anpflanzungen.
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HeidelbergSteil in den Himmel ragende Wurzelteller, zertrümmerte Kronen, wild ineinander verkeilte Stämme, als hätte ein wütender Riese Mikado mit dem Wald gespielt – dieser Anblick blieb Deutschlands Waldbesitzern diese Saison bislang noch erspart: „Ulli“ und „Andrea“, die beiden ersten großen Stürme des Winters, richteten in den Forsten und Wäldern der Republik nur kleine Schäden durch Windbruch an.

Der Orkan „Kyrill“, der im Januar 2007 über die Bundesrepublik tobte, fällte dagegen 40 Millionen Bäume in seiner Zugbahn und bescherte Förstern und Waldbauern Millionenschäden. Und wer in den betroffenen Forsten aufräumen wollte, ging ein hohes Risiko ein: Die Trennung von ineinander verhakten lebenden Einzelbäumen und umgeworfenem, entwurzeltem Bruchholz bringt Waldarbeiter in Lebensgefahr und sorgt dafür, dass ihr Beruf heute zu den gefährlichsten Tätigkeiten des Landes zählt.

Zu den Risiken für Leib und Leben kommen wirtschaftliche Nöte, denn das plötzlich auftretende Massenangebot an Holz ruiniert die Preise. Waldeigentümer fürchten daher Stürme wie „Kyrill“ – oder die nicht minder extremen früheren Schadensfälle durch „Lothar“ (1999), „Vivian“ und „Wiebke“ (jeweils 1990) – wie sonst nur den Borkenkäfer oder Feuer.

Dabei gibt es eine kostengünstige Alternative zur besenreinen Aufarbeitung mit anschließender Wiederaufforstung, die sich zumindest in den Staatsforsten anbietet: Sie sind nicht rein ökonomischen Zwängen unterworfen wie private Waldbesitzer. Wo möglich, kann sich der Wald durchaus selbst kräftig helfen – wenn man ihn denn lässt. Selbst auf großräumig umgemähten Flächen sprießen Jahre später auf natürliche Weise wieder Bäume dicht an dicht zwischen ihren gestürzten Artgenossen.

Entstehen könnte daraus ein Ökosystem, in dem kostengünstig einige Fehler der Vergangenheit wieder behoben würden. Denn vielerorts sind die Probleme durch Windwurf menschengemacht, wie Jörg Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Nationalpark Bayerischer Wald erklärt: „Bei Sturmschäden hat der Mensch durch seine Veränderungen an der Waldstruktur mehr Schuld als das Wetter selbst.“

Kommentare zu " Forstwirtschaft: Aus dem Chaos wächst ein Baum"

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  • Buche und Eiche sind sowohl als Baum und auch als Holz-Material einfach schöner, edler und "sinnlicher" als Nadelholz.

    Ich kann als Waldfreund nur hoffen, dass immer mal wieder ein Sturm die Nadelholz-Monokulturen dezimiert und unser Kinder und Enkel wieder einen echten Wald bekommen, so wie er vor 300 Jahren vielleicht existierte.

  • Hauptproblem beim Privatwald sind die übergroßen Rotwildbestände. Viele Jäger betrachten ihre Jagd als Geschäft und nicht als Hege. Die übergroßen Rotwildbestände lassen dann wie eine Herde Ziegen nichts nachwachsen.

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