Friedensforschung
Die Mär von Demokratie und ewigem Frieden

Demokratie und Frieden gehören für viele Sozialwissenschaftler und Politiker untrennbar zusammen. Doch die Geschichte lehrt etwas anderes, wie der Erfurter Soziologe Hans Joas in einer aktuellen Untersuchung belegt.
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DÜSSELDORF. Demokratie und Frieden, diese beiden Begriffe gehören in der politischen Rhetorik zusammen – zumindest in derjenigen demokratischer Politiker. Einer historisch-soziologischen Überprüfung hält die Behauptung von der Friedfertigkeit der Demokratie aber nicht stand, schreibt Hans Joas, Leiter des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Merkur“.

Über die Frage, ob Demokratien als solche besonders friedensfähig und friedliebend sind, wurde in den neunziger Jahren unter Sozialwissenschaftlern eifrig debattiert. Diejenigen, die die Frage bejahten, wollten eines der raren soziologischen Gesetze ausgemacht haben, das durch die Realität bestätigt werde.

Allerdings waren sich die meisten Befürworter einig, dass man eine entscheidende Einschränkung machen müsse: Gegen undemokratische Regime seien sie durchaus expansiv. Schon Immanuel Kant, auf dessen vielzitierter Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Debatte basiert, behauptete die Friedensfähigkeit nur im Bezug „auf andere republikanische Staaten“. Zu Kants Lebzeiten (1724-1804) war diese These utopisch und mangels republikanischer Staaten kaum empirisch zu bewerten. Als seine Schrift 1795 erschien, lag die einzige große Republik, Frankreich, mit dem Rest Europas im Krieg. Die Einschränkung zumindest war also naheliegend. Kants Argumente: Die Völker, die demokratische Regierungen kontrollieren, sind grundsätzlich friedfertig, und außerdem entsteht in Republiken eine Kultur der gewaltlosen Verhandlung von Konflikten.

Doch schon die optimistische Grundannahme Kants von der Friedensliebe der Völker ist fragwürdig. Leo Tolstoi setzte ihr in einem geschichtsphilosophischen Abriss in seinem Roman „Krieg und Frieden“ (1868) eine nur scheinbar banale Einsicht entgegen: Napoleon wäre nicht nach Moskau gekommen, wenn die Franzosen nicht hätten kämpfen wollen. Auch Diktatoren können nicht uneingeschränkt Kriege ab einer gewissen Größenordnung führen, wenn die Bevölkerung, die die Soldaten und materiellen Mittel dazu bereitstellt, dagegen ist.

Die Glaubwürdigkeit der These von der unbedingten Friedfertigkeit der Demokratien untereinander nimmt, so schreibt Joas, „bei näherer Betrachtung ab“. Diskussionswürdige Gegenbeispiele sind schnell gefunden: Eindeutig führte zum Beispiel 1812-1814 die Republik USA gegen das parlamentarisch regierte Vereinigte Königreich Krieg. Dasselbe bekriegte auch 1899-1902 die Burenrepubliken in Südafrika. Die Schwierigkeit liegt unter anderem darin, zu bestimmen, welcher Staat als demokratisch gelten darf und wann man von einem Krieg sprechen kann.

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