Fuggerstadt Augsburg
Geld und Glaube

Die Fuggerei in Augsburg ist die älteste Sozialsiedlung der Welt – die von einem der ersten Kapitalisten errichtet wurde. Eine frühneuzeitliche Idealstadt, zugleich ein Mekka der sozialen Verantwortung, des christlichen Kapitalismus mit Herz und Hand.
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AUGSBURG. Die Fuggerei erzählt eine Geschichte. Je nachdem, wer sie liest, verläuft sie anders. Zunächst einmal kreist sie um 100 bescheidene Wohnungen, jeweils 60 Quadratmeter klein. Touristen aus aller Welt gehen andächtig durch die Gassen. Sie haben jeweils zwei Euro Eintritt gezahlt. Das ist mehr als doppelt so viel wie die monatliche Miete, welche die Bewohner heute entrichten: 88 Eurocent Kaltmiete. Für Strom und Nebenkosten zahlen sie extra. Außerdem müssen sie katholisch sein und täglich für den Stifter der Privatsiedlung und dessen Familie beten.

Jakob Fugger der Reiche ließ die Fuggerei zwischen 1514 und 1523 für verarmte Bürger errichten. Am Zusammenfluss von Lech und Wertach, noch in Sichtweite der Alpen, hatten einst die Römer zu Zeiten des Kaiser Augustus ein Militärlager errichtet, aus dem die römische Stadt Augusta Vindelicum hervorgegangen war, die spätere Hauptstadt der Provinz Raetien. Aber während von der römischen Geschichte im Stadtbild Augsburgs so gut wie nichts mehr sichtbar ist, sind die architektonischen Zeugen der anderen glänzenden Epoche Augsburgs noch heute sehr präsent. In der Maximilianstraße lässt sich die wuchtige Renaissancearchitektur der Stadtresidenz der Fugger bewundern. Aber weder römische Spuren noch Residenz, sondern ausgerechnet die Sozialsiedlung gilt heute als Hauptattraktion, was vielleicht auch etwas aussagt über die Gegenwart: Nicht die Paläste erscheinen interessant, sondern die Hütten.

Die Fuggerei ist mit Liebe zum Detail geplant. An der Kirche wirkten die besten Künstler der damaligen Gegenwart mit, auch Albrecht Dürer hat ein Bild gemalt. Die „Fuckerey“, wie sie damals hieß, ist mehr als nur eine Siedlung. Sie ist ein Programm, ein gebautes Manifest. Nur „würdige Arme“ durften einziehen, keine Tagelöhner und Nichtsnutze. Gleich am Eingang werden Besucher und Bewohner an eine ehrwürdige Kaufmannsdevise gemahnt: Eine Sonnenuhr trägt den Spruch „Nütze die Zeit“.

Ein trügerisch einfacher Wahlspruch. Doch was genau bedeutet er? Hier geht die Geschichtsschreibung auseinander. Die Fuggerei ist kontrovers bis heute, 500 Jahre Historiografie lassen sich hier durchwandern wie in einem Buch aus Stein. „Nütze die Zeit“. Für die einen ist dies die Aufforderung, rechtschaffen und fleißig zu sein. Tugend zahlt sich aus. Wer hart arbeitet, darf auch gut verdienen. Doch die Sonnenuhr erzählt auch eine andere Geschichte – gegenläufig, subversiv zur vorherrschenden Meinung. „Nütze die Zeit“. Das kann auch bedeuteten: Schwimme mit dem Strom. Gehe mit der Mode. Wirf dich an die vorherrschenden Mächte heran, drehe dein Fähnchen nach dem Wind. „Kauf dir einen Kaiser“ heißt ein Bestseller, eine Abrechnung mit den Fuggern und dem Monopolkapitalismus.

Kurz nachdem die Fuggerei im frühen 16. Jahrhundert entstand, wurden 1530 in Augsburg die bis heute gültigen Grundlehren und Glaubenssätze der entstehenden evangelischen Kirche von Philipp Melanchthon formuliert: die „Confessio Augustana“. 1555 kam es mit dem Augsburger Religionsfrieden zur Anerkennung der Protestanten auf Reichsebene. Diese beiden Grundereignisse der Reformationsgeschichte spielten sich im Rahmen von Reichstagen ab, die in der Reichsstadt Augsburg abgehalten wurden. Augsburg ist daher nicht nur ein Erinnerungsort der Fugger, sondern auch der Reformation. Dass diese Erinnerungsorte teilweise identisch sind, zeigt die Stadtresidenz der Fugger am Weinmarkt, der heutigen Maximilianstraße.

Jakob Fugger ließ sie zwischen 1512 und 1517 errichten. Heute befindet sich in dem Gebäudekomplex die Fürst Fugger Privatbank. 1518 wurde hier Martin Luther vom Kardinallegaten Cajetan verhört. In dieser Fugger-Residenz bezog Karl V. stets sein Quartier, wenn er in Augsburg weilte, in ihr saß er Tizian Portrait. Zu dieser Zeit, der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, befanden sich die Fugger und die Stadt Augsburg auf dem Höhepunkt ihrer ökonomischen und politischen Macht.

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