Gastbeitrag
Warum Biologen nicht ohne Philosophen auskommen

Herausforderung Hirnforschung - ein Plädoyer für eine gemeinsame Sprache von Natur- und Geisteswissenschaften.

MAGDEBURG. Lange Zeit waren die Geisteswissenschaften sich selbst genug. Gleiches galt für die Naturwissenschaften - seit Descartes führten Geist und Materie ein voneinander unabhängiges Dasein. Fortschritte in der Hirnforschung haben dieses Schisma zunehmend in Frage gestellt. Als Nahtstelle zwischen Materie und Geist ließen sich Hirnmechanismen lokalisieren, die neuronale Informationen verarbeiten und deren spezifische Störungen spezifische geistige Veränderungen hervorrufen.

Einsichten in die Funktionsweise des Gehirns ermöglichen es, sich den scheinbar naiven Fragen der Erkenntnistheorie aus einer neuen Richtung zu nähern: Woher stammen die Ideen überhaupt, die Logik, die Moral. Hier Fortschritte zu machen ist wahrscheinlich die größte wissenschaftliche Herausforderung.

Im Kern geht es darum, die Bezüge zwischen zwei so unterschiedlichen Phänomenen wie Hirnmaterie und Geist zu klären. Damit die Geisteswissenschaften, insbesondere die Philosophie, ihren großen Erkenntnisschatz in die Waagschale werfen können, bedarf es jedoch gemeinsamer Begrifflichkeiten. Denn noch sprechen Geistes- und Naturwissenschaftler von unterschiedlichen Dingen, wenn sie dem Phänomen "Geist" - aus biologisch-experimenteller Warte einerseits und aus philosophischer Sicht andererseits - auf der Spur sind. Man redet zuweilen aneinander vorbei.

Neurowissenschaftler können Prozesse beobachten

Das beginnt schon bei den Reizen, auf die das Gehirn reagiert. Geisteswissenschaftler setzen Information in der Regel mit Bedeutung gleich. Aus Sicht der Naturwissenschaften ist Information jedoch nicht mehr als ein Vehikel. Damit Sinn entsteht, muss dieses Gefährt auf einen Empfänger treffen, der die Fähigkeit besitzt, Informationen zu verwerten - biologische Organismen. Diese setzen Information dann in Bedeutung um. Ein Beispiel: Der Reiz "Feuer" löst bei den meisten Tieren einen Fluchtinstinkt aus. Neurowissenschaftler können die biochemischen und elektrischen Prozesse, die dabei im Gehirn ablaufen, inzwischen beobachten und verorten.

Schwieriger ist es, die Informationsbewertung höher entwickelter Wesen nachzuvollziehen. Menschen abstrahieren. Sie ordnen Informationen bestimmten Bedeutungsklassen zu und schaffen übergeordnete Kategorien. Das ist dann die Geburtsstunde von Begriffen wie Arbeit, Erinnerung oder Flüssigkeit. Aber: Wie entstehen solche Begriffe? Wir betonen gemeinsame Merkmale. Aber nach welchem Muster grenzen wir diese Kategorien voneinander ab?

Schon ein anderthalbjähriges Kind ist in der Lage, Äpfel von Birnen sicher zu unterscheiden. Natürlich gibt es Unterschiede, etwa in der Form. Aber es existiert auch eine ganze Reihe von Eigenschaften, die beide teilen, der Stiel, die Art der Schale oder das Kerngehäuse. Auf der anderen Seite unterscheiden sich auch Äpfel oft voneinander - rote, gelbe, grüne. Trotzdem bleiben sie für uns Äpfel. Wir bilden eine Kategorie. Wie kommt das? Offenbar selektieren wir die Informationen. Anders ausgedrückt: Die Gemeinsamkeiten, die es zwischen Äpfeln gibt, sind uns wichtiger als jene, die Äpfel und Birnen miteinander verbinden. Wie dieser Prozess der Kategoriebildung durch Selektion im Gehirn abläuft, ist jedoch wenig verstanden.

Begriffsbildung bleibt ein Rätsel

Hirnforscher können zwar auf einer physiologischen Ebene die kausalen Abläufe von den Sinnesorganen bis ins Gehirn nachvollziehen. Wie dann aber in einem zweiten Schritt Begriffe gebildet werden, die völlig unabhängig von Reiz-Reaktions-Schemata jederzeit verständlich sind, bleibt ein Rätsel.

Begriffe und Kategorien existieren losgelöst von kausalen Zeit-und-Raum-Beziehungen. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass diese zeitlose "Repräsentation" etwas mit der Fähigkeit des Menschen zu formaler Logik zu tun hat. Um den weißen Flecken, den die Begriffs- oder Kategoriebildung auf der Landkarte des Gehirns derzeit noch darstellt, zu erforschen, bedarf es folglich der Hilfe jener, die sich seit Jahrhunderten mit Fragen der Logik auseinander setzen - der Philosophen.

Naturwissenschaften brauchen Geisteswissenschaften. Das Gleiche gilt auch unter umgekehrten Vorzeichen. Eine gemeinsame Sprache, eine "lingua franca", ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung dafür, sich den Geheimnissen des menschlichen Geistes künftig weiter anzunähern.

Prof. Dr. Henning Scheich ist Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.

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