Gehirnforschung
Die Anatomie der Geistesblitze

Zum ersten Mal untersuchen Forscher, was im Gehirn passiert, wenn der Funke zum Aha-Erlebnis zündet. Noch sind sie sich uneinig, wie diese plötzlichen Einfälle zustande kommen. Eines allerdings scheint klar: Ein Geistesblitz auf Kommando - das funktioniert nicht.

DÜSSELDORF. Splitterfasernackt lief Archimedes der Legende zufolge durch die Stadt, vor Begeisterung sein berühmtes „Heureka!“ – „Ich hab’s!“ – rufend. Was er hatte, war die Lösung einer Kopfnuss, die sein Freund Hieron II. ihn zu knacken bat. Der argwöhnische Tyrann von Syrakus wollte wissen, ob eine Krone, die er den Göttern zu Ehren hatte anfertigen lassen, wirklich aus reinem Gold bestand.

Nach langem erfolglosem Brüten nahm Archimedes beim Bade eine geistige Auszeit. Der Mathematiker stieg in die randvolle Wanne, erkannte, dass genau die Menge Wasser überlief, die sein Körpervolumen einnahm, und hatte das ersehnte Aha-Erlebnis. Wenn die Krone mehr Flüssigkeit verdrängte als ein gleich schwerer Goldbarren, musste sie ein geringeres spezifisches Gewicht besitzen und folglich aus einer minderwertigen Legierung hergestellt worden sein. Der Test zeigte: Hierons Misstrauen war begründet. Der Goldschmied hatte in der Tat unedles Metall beigemischt und wurde dafür mit dem Tode bestraft.

Über 2 200 Jahre liegt das jetzt zurück. Unzählige Künstler, Forscher und Erfinder haben seitdem von derartigen Denkdurchbrüchen berichtet. Wie es sich anfühlt, wenn einem schlagartig ein Licht aufgeht, erfahren nicht nur große Köpfe wie der nackte Archimedes. Jeder Mensch erlebt solche Augenblicke als höchst erhebend. Doch was dabei im Gehirn vor sich geht, liegt weitgehend im Dunkeln. Erstaunlicherweise, meint Andreas Engel. „Aha-Erlebnisse sind ein charakteristischer und essenzieller Bestandteil der menschlichen Intelligenz, und trotzdem wissen wir über die dahinter stehenden kognitiven Prozesse und neuronalen Mechanismen so gut wie nichts“, sagt der Neurophysiologe von der Uniklinik in Hamburg. Engel verweist allerdings darauf, dass das Sujet auch schwierig zu erforschen sei. „Einen Heureka-Moment kann man ja nicht auf Kommando herbeiführen.“

Vielleicht ist das der Grund, warum die Hirnforschung das Feld bislang den Psychologen überließ. Die haben einige Merkmale ausgemacht, die Aha-Erlebnisse von anderen Varianten des Problemlösens unterscheiden. So geht der Erleuchtung oft das Gefühl voraus, in einer mentalen Sackgasse festzustecken. Die Erkenntnis schlägt dann urplötzlich ein, nach subjektivem Empfinden wie aus dem Nichts. Und in der Regel ist es später unmöglich, die Denkschritte auf dem Weg zur Lösung nachzuvollziehen.

Doch damit endet die wissenschaftliche Einigkeit. Manche Experten glauben, dass Geistesblitze sich mit Vorgängen erklären lassen, die auch bei unspektakuläreren Problemlösungsstrategien zum Einsatz kommen – etwa dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Andere sehen dahinter einen ganz speziellen kognitiven Prozess.

Seite 1:

Die Anatomie der Geistesblitze

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%