Gentechnik
Diesseits der Artengrenze

Mais mit Bakterien-Erbgut und Soja mit Insekten-Genen sind schon Realität. Ein Forscher pries auch schon Tomaten mit Fischfetten an. Die Gentechnik überwindet Artgrenzen. Doch essen möchte derartige Gewächse kaum jemand. Genveränderte Nutzpflanzen ohne fremdes Erbgut könnten Konsumenten nun die Angst nehmen – und Kritikern die Argumente.

DÜSSELDORF. Kritiker fürchten, die eingebauten Gene gehen mit den Pollen auf andere Pflanzen über, bringen die Natur durcheinander. Einige Pflanzenforscher reagieren auf die Bedenken nun mit einem neuen Konzept. Statt „transgener“ Sorten schaffen sie „cisgene“ (lat. cis=diesseits). In diese werden keine artfremden Gene eingeschleust, sondern nur solche von kreuzungsfähigen Verwandten. Oder die Gene derselben Pflanze werden durchmischt, ohne dass fremdes Erbgut hinzukäme. „Cisgenetik ist zwischen der transgenen grünen Gentechnik und der traditionellen Saatzucht einzuordnen“, sagt Bernd Müller-Röber vom Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Golm. Da kein fremdes Erbgut eingefügt wird, sei ein Zulassungsverfahren überflüssig, sagte er bei der Vorstellung des Gentechnikberichtes der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Februar.

Noch gibt es keine Freilandversuche. Nur in den Laboren sprießen die ersten zarten Pflänzchen. Henk Schouten vom holländischen Pflanzenforschungszentrum in Wageningen arbeitet an einem cisgenen Apfelbaum, der gegen Apfelschorf resistent sein soll. Der Pilz Venturia inaequalis zeichnet die Früchte mit braunen Flecken. Der Pilz verschont aber einen kirschgroßen Zierapfel. Denn diese ungenießbare Sorte, Malus floribunda, produziert einen Abwehrstoff. „Es gibt zwar resistente Kreuzungen aus dem Zierapfel. Die Resistenz wird aber allmählich durchbrochen, weil der Schädling mutiert und so die Abwehr der Pflanze unterwandert“, berichtet Schouten. Damit der Apfel dauerhaft gewappnet ist, braucht er nicht nur ein Resistenz-Gen aus dem Zierapfel, sondern weitere aus anderen Sorten, glaubt Schouten. Da das Zusammenbringen dieser Gene durch herkömmliches Kreuzen Jahrzehnte dauern würde, setzt er auf die Gentechnik, die nur etwa fünf Jahre bräuchte.

Cisgenetik könnte den Zorn der Gentechnikgegner besänftigen: Schouten betont, dass die neuen Pflanzen nur Gene in sich trügen, die auch bei der Kreuzung aufeinander treffen könnten. „Artfremde Gene könnten ausgekreuzt werden und bergen daher ein Sicherheitsrisiko“, sagt er und bedient sich der Argumente der Gentechnikgegner. „Cisgene Pflanzen sind genauso harmlos wie konventionell gezüchtete Sorten. Daher sollten sie ohne Zulassung auskommen“, fordert Schouten.

Caius Rommens vom Unternehmen Simplot im US-Bundesstaat Idaho hat eine cisgene Kartoffel erschaffen. Sie soll noch in diesem Frühling ins Freiland gesetzt werden. Die Knolle ist extra für Pommes frites gedacht, da sie beim Frittieren weniger Krebs erzeugendes Acrylamid bildet und ebenmäßig goldgelb ohne dunkle Flecken wird. Diese entstehen vor allem in Winter- und Frühjahrskartoffeln, denn bei Frost wird in den Knollen die Stärke in Zucker umgewandelt. Beim Frittieren karamellisieren die lokalen Zuckeransammlungen zu braunen Stellen. „Das sieht nicht nur hässlich aus. Es ist auch ungesund“,sagt Rommens.

Er legte im Labor gezielt drei Gene in der Kartoffel lahm, die für die Umwandlung von Stärke in Zucker verantwortlich sind. „Dazu dreht man die Abfolge der Basen in dem Gen einfach um.“ Das Gen wird herausgeschnitten und im Labor in seine Bausteine, die Basen, zerlegt. Danach werden diese in umgekehrter Reihenfolge zusammengesetzt und wieder ins Erbgut eingefügt. Folge: Die Zellfabrik kann den verdrehten Bauplan nicht mehr lesen, die Umwandlung der Stärke in Zucker wird unterbrochen.

Ähnlich ging Rommens gegen Acrylamid vor. Das Gift bildet sich beim Erhitzen auf über 180 Grad Celsius aus Zucker und der Aminosäure Asparagin. „Wenn wir das Gen für Asparagin etwas in seiner Leistung drosseln, entsteht kein Acrylamid mehr.“ Den genetischen Schalter, der das Asparagin-Gen ausbremst, holt er sich aus dem Kartoffel-Erbgut. Schalter, die Gene aktivieren oder dämpfen, kommen dort im Überfluss vor.

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