Geschichtsforschung
Zwischen Ostalgie und Aufarbeitung

Die untergegangene DDR sollte für Historiker eigentlich ein Glücksfall sein. Eine abgeschlossene, aber noch höchst aktuelle Geschichte, Millionen von Zeitzeugen, Regale voller Akten und Dokumente. Doch die Erforschung der Geschichte der DDR ist unübersichtlich und leidet an ungenügender Vermittlung.

BERLIN. Ein Terrain, an dem sich das Scheitern eines Systems genauso untersuchen lässt wie die Lebensbedingungen in einer Diktatur. Doktoranden untersuchen zurzeit den Automobilsport, die DDR-Außenpolitik, die Todesopfer an der Berliner Mauer oder die "Netzwerke sozialpolitischer Akteure in der DDR". Über 10 000 Dissertationen und Studien dieser Art dürften in den vergangenen 16 Jahren abgeschlossen worden sein.

Doch die zahlreichen Forschungsergebnisse zur DDR werden in Schule und politischer Lehre zu wenig wahrgenommen oder nur genutzt, um weiterhin ideologische Grabenkämpfe auszufechten. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, mahnte in einer Rede vor der Europäischen Akademie Otzenhausen an, dass im Mittelpunkt der Forschung nicht allein der historische Erkenntnisgewinn stehen müsse, sondern dass aus der Geschichte Lehren zu ziehen seien.

Wie kann man Lehren ziehen, wenn die Forschung zwar höchst aktiv, die Kenntnisse über die SED-Diktatur jedoch gering sind? "Warum haben die Deutschen den Reichstag eigentlich so nahe an die Mauer gebaut?" fragte ein junger Amerikaner nach einer Stadtführung durch Berlin naiv. Deutsche Schüler wissen meist auch nicht viel mehr über DDR-Geschichte (siehe Kasten "Forschungsgebiet Nachkriegsgeschichte" am Ende des Artikels).

In einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin kam Erstaunliches zu Tage: Viele Schüler glauben, die Alliierten oder die Sowjetunion hätten die Mauer errichtet. Andere sind der Ansicht, dass die Umweltverschmutzung in der DDR wesentlich geringer als in der Bundesrepublik gewesen sei, Zitat: "Es hat doch weniger Autos gegeben." 40 Prozent der Schüler im Osten Berlins sind der Ansicht, dass die Stasi ein Geheimdienst wie jeder andere auch war.

Wenn die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Unterricht zu kurz kommt, hat das Folgen, zum Beispiel für das politische Selbstverständnis, wie Klaus Schroeder, Politikprofessor und Leiter des Forschungsverbundes zum SED-Staat, erklärt: "Es fehlen die Kriterien zur Beurteilung. Was die Werte einer zivilen Gesellschaft sind, wird den Schülern nicht vermittelt."

Dieses Defizit stellt er auch in der Wissenschaft fest. Dort stehe die systemimmanente Forschung im Vordergrund. Das heißt: Die DDR werde aus sich selbst analysiert, die Werte, die die Bundesrepublik prägen, würden in dieser systemimmanenten Betrachtung nicht einbezogen. Er beobachtet zudem, dass viele Forschungsressourcen aus der Universität abgezogen worden seien.

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