Geschichtsunterricht
Das Mittelalter findet nicht statt

NS-Herrschaft und Wiedervereinigung dominieren den Geschichtsunterricht, doch von griechischer Antike oder dem Mittelalter wissen selbst Abiturienten nur wenig. Eine Studie hat nun den Umgang mit Geschichtsdaten an niedersächsischen Gymnasien untersucht und fesgestellt: Ganze Jahrhunderte werden marginalisiert.

DÜSSELDORF. "Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei". So merkten sich Generationen von Schülern den Sieg Alexanders des Großen gegen die Perser 333 v. Chr. Heute jedoch wird auf Daten aus der Antike und dem Mittelalter im Geschichtsunterricht kaum noch Wert gelegt, wie der Geschichtsdidaktiker Michael Sauer von der Universität Göttingen bei einer Befragung von 93 Lehrern an 13 niedersächsischen Gymnasien feststellte.

Der chronologische Gang durch die Weltgeschichte, den der Geschichtsunterricht bietet, ist "immer löchriger geworden", stellt Sauer fest. Geschichtslehrer sollen heute vor allem an Beispielthemen komplexe historische Entwicklungen und Strukturen vermitteln. So müssen 17-jährige Schüler zwar historische Quellentexte interpretieren. Aber Regierungsdaten deutscher Kaiser müssen sie nicht mehr lernen. Doch auch die Vorstellungen über die unbedingt notwendigen chronologischen Kenntnisse, die ein Gymnasiast zu beherrschen habe, gehen sehr weit auseinander, stellt die in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" veröffentlichte Studie fest. Einen Kanon verbindlicher Daten gibt es also nicht.

"Insgesamt lässt sich ein gewisser Trend zu allgemeineren Daten anstelle von Detailzahlen erkennen", so Sauer. Eine allgemeine Vorstellung von der zeitlichen Ausdehnung der römischen Herrschaft erscheint den Lehrern wichtiger als die Jahre der Punischen Kriege.

Unter den meistgenannten Jahreszahlen sind kaum Daten aus dem Beginn der Menschheitsgeschichte, aus der griechischen und der römischen Antike oder dem Mittelalter vertreten. In der Zeitspanne von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg dominieren die politischen Eckdaten, etwa Revolutions- oder Kriegsjahre. Im Vergleich der Epochen deutlich an erster Stelle liegt die Zeit der beiden Weltkriege. Vor allem die Orientierungszahlen zur NS-Herrschaft und zum Zweiten Weltkrieg werden von den meisten Lehrern als wichtig erachtet. Die beiden Jahre der Wiedervereinigung (1989/90) erhalten besonders hohe Zustimmungswerte.

Die Marginalisierung ganzer Jahrhunderte, nicht nur der Antike und des Mittelalters, sondern auch der frühen Neuzeit vor der Französischen Revolution, schlägt sich auch in den Lehrplänen nieder. In Nordrhein-Westfalen etwa kommt Preußenkönig Friedrich der Große darin überhaupt nicht mehr vor. In den schriftlichen Abiturprüfungen sind seit Einführung des Zentralabiturs in NRW nur noch das "lange 19. Jahrhundert" (1789-1914) und das "kurze 20. Jahrhundert" (1914-1989) relevant. De facto überlässt man alles, was vor 1789 stattfand, weitgehend der Mittelstufe. Dass bei Abiturienten die "harten" Kenntnisse in alter, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte ungenügend sind, wird in Kauf genommen.

Die Folge ist, dass ein Student, der sich nicht privat vorgebildet hat, einem Proseminar über den Attischen Krieg wahrscheinlich nur schwer folgen kann. Von den deutschen Kaisern des Mittelalters hat er womöglich noch nie gehört. Stattdessen wird er sich vage erinnern, dass ihm als 13-Jährigem erzählt wurde, wie Mönche in Klöstern lebten. Ein bisschen mehr Chronologie auf Kosten von allzu früher und dadurch banalisierter Quellenanalyse könnte nicht schaden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%