"Gesunde Kranke"
Mediziner: Vorsicht bei Gentests zum Krankheitsrisiko

Gentests auf das erbliche Krankheitsrisiko sollten nach Ansicht des Mainzer Medizinprofessors Norbert W. Paul nicht ohne Bedacht routinemäßig eingesetzt werden. Menschen könnten durch derartige Tests zu „gesunden Kranken“ mit einer Patientengeschichte werden, ohne jemals wirklich zu erkranken, sagte der Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität in einem dpa-Gespräch.

HB MAINZ. Zwar sei die Gendiagnostik grundsätzlich gut geeignet, medizinische Vorbeugung besser auf Risikogruppen zuzuschneiden. „Ich bin jedoch sehr skeptisch, diese genetischen Informationen grundsätzlich zu erfassen, etwa mit Reihentests bei Kindern.“

Die ethischen Bedenken überwiegen nach Ansicht des Experten den gesundheitlichen Nutzen solcher so genannten genetischen Screenings. „Ich warne vor einer umfassenden Medikalisierung unserer Gesellschaft.“ Der Universitätsprofessor steht einem neuen Projekt des Nationalen Genomforschungsnetzes vor, das sich mit den sozialen, ethischen und rechtlichen Auswirkungen der genetischen Forschung befasst.

Natürlich sei es sinnvoll, bei Informationen über bestimmte erbliche Krankheitsrisiken die Vorsorge zu erhöhen, sagte Paul. Jeder müsse sich jedoch im Klaren sein, dass dieses Wissen für die Betroffenen auch zu starken Belastungen und Beeinträchtigungen etwa in der Lebens- und Familienplanung führen kann. Es gebe auch eine Reihe von genetischen Tests, die nur wenig über individuelle Gesundheitsrisiken aussagen. Letzteres würde häufig missverstanden und überbewertet.

Die wachsenden Möglichkeiten für eine Diagnose erblicher Krankheitsveranlagungen bergen nach Ansicht Pauls auch die Gefahr einer „genetischen Diskriminierung“. „In einem Solidarsystem, wie wir es in Deutschland glücklicherweise noch haben, dürfen Gesundheitsleistungen nicht nach biologischen Merkmalen verteilt werden“, warnte der Mediziner.

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