Gesundheit
Réunion kämpft gegen „Chik“

Die kleine Mücke ist kaum einen Zentimeter lang, schwarz-weiß gestreift und liebt abgestandenes Wasser wie auch das „Reisen“ in alten Autoreifen.

dpa PARIS/SAINT-DENIS-DE-LA-RéUNION. Die kleine Mücke ist kaum einen Zentimeter lang, schwarz-weiß gestreift und liebt abgestandenes Wasser wie auch das „Reisen“ in alten Autoreifen.

Und sie überträgt das Chikungunya-Virus, von dem es vor einigen Wochen noch hieß, es mache zwar krank, töte aber nur ganz selten. Auf der französischen Tropeninsel Réunion im Indischen Ozean bietet sich inzwischen ein weitaus dramatischeres Bild.

Innerhalb von zwölf Monaten erkrankte jeder fünfte Inselbewohner an dem Chikungunya-Virus. Und 77 Menschen kamen direkt oder indirekt durch die Mücke Aedes albopictus ums Leben. Die Furcht vor einer Mutation des Virus geht angesichts des massiven Ausbruchs der Infektionskrankheit auf der Insel um.

„Wir waren für den Kampf gegen die Mücke nicht genügend vorbereitet, es fehlte an Erfahrung und an Geldern“, so räumt der Tropenarzt Jean-Sébastien Dehecq auf Réunion ein. Über Jahrzehnte mit der Malaria-Ausrottung beschäftigt, bauten die Gesundheitsbehörden nach geschlagener Schlacht Personal auf der beliebten Ferieninsel ab. Auch Malaria wird von Mücken übertragen.

Die Behörden haben jetzt alle Mühe, rasch Fachkräfte für die aktuelle Insektenbekämpfung auszubilden. Die 775 000 Insulaner kennen seit Monaten nur das eine Thema, das sie „Chik“ nennen, weil der volle Name doch einige Mühe macht. Bisher war ihre größte Sorge die Arbeitslosigkeit - jeder Dritte hat keinen Job, für mehr als 120 000 Menschen muss der Staat sorgen.

Dabei ist das Virus, gegen das bisher kein bisher Gegenmittel verfügbar ist, nicht unbekannt. Auf Kisuaheli „Gebeugter Mann“ genannt, übertragen von der „Asiatischer Tiger“ getauften Mücke, machte Chikungunya 1952 erstmals in Tansania von sich reden. Mittlerweile auf nahezu allen Kontinenten bekannt, seit etwa zehn Jahren auch in Europa, breitete sich Aedes albopictus 2005 massenhaft auf Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean aus.

Normalerweise attackiert das von der weiblichen Mücke übertragene Virus bei seinen Opfern Gelenke und Muskeln und verursacht heftigste Schmerzen, so dass die Erkrankten sich vorübergehend beugen oder krümmen. Bei Urlaubern, die die Krankheit nach Deutschland mitbrachten, verlief die Infektion ohne gefährliche Komplikationen. Auf der Vulkaninsel Réunion 9 180 Kilometer von Paris entfernt kam es aber schlimmer.

Schwere Entzündungen des Herzmuskels oder der Hirnhaut und Hepatitis seien Komplikationen durch das Chikungunya-Virus, wie sie bisher noch nicht in der medizinischen Literatur beschrieben worden sind, so stellt die Pariser Zeitung „Libération“ besorgt fest. Die Ärzte auf der Insel wollen das grassierende Gerücht, das Virus ändere sich, allerdings nicht bestätigten. Während das Lehrbuch sagt, eine Infektion mit dem Virus immunisiere, kam auf Réunion überraschend dann die zweite Welle der Erkrankungen auf. Paris schickte zusätzliche Truppen in den Kampf gegen die grassierende Seuche. Unterdessen prüfen Fachleute, ob die statistisch erhöhte Sterblichkeit 2005 mit der Krankheit zu tun hat.

„Eine Quarantäne der Insel wäre eine spektakuläre politische Geste, aber weitgehend unwirksam“, erläutert der Seuchenfachmann Antoine Flahault in „Le Monde“. Er hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass in Afrika bereits früher Menschen daran starben, „ohne dass dies registriert worden ist“. Im übrigen habe die US-Armee sehr wohl einen Impfstoff gegen Chikungunya entwickelt, der aber nie kommerzialisiert worden sei. „Jedenfalls können wir nicht mehr von einer "harmlosen" Krankheit sprechen“, sagt Flahault: „Über die Hälfte der Patienten auf den Intensivstationen der Insel sind mit dem Virus infiziert.“

So war es auch bei der kleinen Tricia aus Saint-Benoît. Die Zehnjährige starb innerhalb weniger Tage an einer Gehirnentzündung, das Chikungunya-Virus war in ihrem Blut. „Man hat uns immer gesagt, das ist nichts Schlimmes“, klagt ihre Schwester Erika. Vor allem Kinder und ältere Menschen sind gefährdet, sagen Ärzte. Auf der Insel wuchs mit der Erkrankungswelle die harsche Kritik an den „untätigen Pariser Politikern“, die sich jetzt auf dieser Insel eilig die Klinke in die Hand geben. Bis die Mücke ausgerottet ist, wird es aber lange dauern.

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