Gewalt und Medien
Top-Schüler spielen keine „Killerspiele“

Seitdem es Medien gibt, werden ihre schädliche Wirkungen diskutiert - heute insbesondere der schlechte Einfluss von Computern auf Jugendliche. Doch der Zusammenhang zwischen Computerspielen und echter Gewalt stellt die Wissenschaft vor ganz neue Probleme.

DÜSSELDORF. Wieso hat eigentlich in der Killerspiel-Debatte der letzten Tage niemand ein Verbot von Autorenn-Spielen gefordert? Sie belegten immerhin die Plätze eins, zwei und fünf in der Rangliste der meistverkauften Spiele 2005. Außerdem wird man dort für rücksichtsloses, aggressives und gefährliches Fahren belohnt, und die Spieler sind meist junge Männer - eine Risikogruppe im Straßenverkehr. Man könnte also Rennspiele als Anleitung zur Raserei ansehen und manchen Todesfall auf eine exzessive Leidenschaft für "Need for Speed" oder "Grand Theft Auto" zurückführen.

In der Tat hat die Bundesanstalt für Straßenwesen eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob der problematische Umgang mit Verkehrsregeln in Rennspielen reale Gefahren für die Verkehrssicherheit birgt. Christoph Klimmt, Medienwissenschaftler an der Universität Hannover, hat 54 Spiele analysiert, über 1 000 Spieler befragt und Experimente durchgeführt. Sein Fazit: "Wir haben dabei keine Zusammenhänge zwischen Rennspielkonsum und riskanten Fahrweisen gefunden."

Er ist einer der wenigen deutschen Forscher, die sich seit längerem mit dem Phänomen Computerspiele beschäftigen. Über den Amokschützen von Emsdetten sagt Klimmt: "Er hatte offensichtlich eine Reihe sozialer und psychologischer Probleme." Die Tat aber auf die Leidenschaft für Computerspiele zurückzuführen käme ihm nicht in den Sinn. Doch genau diese Reaktion erfolgte in der vorigen Woche wie auf Knopfdruck. Nur wenige Stunden nach der Schießerei forderten erste Politiker ein Verbot von "Killerspielen". Der bayerische Innenminister Günther Beckstein legte am nächsten Tag nach und erklärte, bei einem Verbot sollten die gleichen Strafen wie für Kinderpornografie gelten.

Michael Kunczik kennt solche Forderungen schon lange. Der Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz veröffentlichte vor mehr als 30 Jahren seine Dissertation über "Gewalt im Fernsehen". Doch schon seit es Medien gibt, werden schädliche Wirkungen diskutiert. 1912 schrieb man "Gegen die Frauenverblödung im Kino", heute über den schlechten Einfluss von Computern auf Jugendliche. "Auf die komplizierte Frage nach der Wirkung gibt es aber keine einfachen Antworten", sagt Michael Kunczik.

Doch diese sind beliebt. So spricht der Kriminalpsychologe Christian Pfeiffer viel von den Folgen der "Medienverwahrlosung" und führt schlechte Schulleistungen auf übermäßigen Medienkonsum zurück. Eine Schülerbefragung durch Pfeiffers Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen ergab zum Beispiel: Je öfter die Kinder der vierten Klasse verbotene Spiele spielen, desto schlechter sind ihre Schulnoten. Viele Wissenschaftler bezweifeln das. "Ein statistischer Zusammenhang muss ja nicht bedeuten, dass es sich um Ursache und Wirkung handelt", sagt die Medienwissenschaftlerin Astrid Zipfel von der Universität Düsseldorf. Die Kausalitätsrichtung könne genau andersherum sein: Wer keinen Erfolg in der Schule hat, flüchte sich eher in Computerspiele.

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