Glycan-Forum in Berlin: Dem Zucker auf den Pelz gerückt

Glycan-Forum in Berlin
Dem Zucker auf den Pelz gerückt

Die „Glykobiotechnologie“ beschäftigt sich zwar mit der Erforschung des Zuckers, doch mit süßen Versuchungen hat sie wenig zu tun. Stattdessen unterstützt die aufstrebende Disziplin Mediziner dabei, neue Wege im Kampf gegen den Krebs zu finden.

BERLIN. Von der Studentin bis zum 85-jährigen Emeritus, vom russischen Biochemiker bis zur britischen Medizinerin: Das 3. Glycan-Forum in Berlin am vergangenen Wochenende war ein globales Generationentreffen im Dienste des Zuckers.

Ohne Zucker gibt es kein Leben. Jede Zelle ist von einem charakteristischen Pelz aus langen Zuckerketten und -ästen, den Glykanen, umhüllt. An diesem Pelz erkennen die Zellen einander und halten sich daran fest, um Botenstoffe auszutauschen. Aber auch Krankheitserreger nutzen die süße Hülle ihrer Opfer. Grippe-Viren erkennen Glykane auf der Oberfläche der Lungenzellen und ketten sich an diese. Pilze heften sich mit ihrem klebrigen Kleid an gesunde Wirtszellen. Das Krebs erregende Magenbakterium Helicobacter pylori krallt sich an das Zucker-Kostüm der Magenschleimhautzellen und spritzt dann giftige Substanzen hinein.

„Bei jedem Krankheitsbild sind Glykane beteiligt“, weiß Peter Seeberger von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. „Wir haben lange geahnt, dass Glykane eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen wie Gene. Aber erst seit einigen Jahren können wir die Zucker wirklich erforschen.“ Zunächst fehlten dazu die Werkzeuge. Von Zellen und Bakterien ließ sich der Pelz kaum lösen, ohne Risse zu bekommen. Im Labor konnte man ihn nicht künstlich weben.

Bis vor kurzem. Im Labor in Zürich surrt ein grauer Kasten, ein Automat, der die Zuckerpelze nach Wunsch auswirft. „In ein paar Stunden ist ein Glykan fertig“, sagt Seeberger. Er hat den Apparat erfunden und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und später in Zürich weiterentwickelt.

Seeberger stammt aus Nürnberg, hat der Heimat aber den Rücken gekehrt: „Deutschland war einst führend in der Chemie und Biologie der Zucker.“ Doch derzeit haben die USA die Nase vorne, und andere EU-Staaten haben aufgeholt. „Das Gebiet wurde hier zu Lande lange vernachlässigt“, sagt Wolfgang Kemmner von der Charité, der Klinik der Berliner Universitäten. Jetzt will das Forschungsministerium die Disziplin wieder flottmachen. Mit bis zu 20 Millionen Euro wird es den Glykobiotechnologen unter die Arme greifen. Jobangebote an der Pinnwand vor den Tagungsräumen des Glycan-Forums zeigen, dass auch wissenschaftlicher Nachwuchs gesucht wird. „Deutschland ist wieder auf dem richtigen Weg“, lobt Seeberger.

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