Grundlagenforschung
Von Mäusen und Menschen

In Deutschlands einziger Mausklinik sind 4 000 Patienten stationiert – Mäuse der Gattung „Mus“. Anhand von 14 Stationen und 320 Parametern stellen die Wissenschaftler ein genaues Bild der Merkmalsausprägungen jeder einzelnen Maus her. Der 21-wöchige Aufenthalt der Mäuse soll helfen, die genetischen Grundlagen vieler Krankheiten zu erforschen.

MÜNCHEN. Weiße Krankenhausschuhe, ein dünner Ganzkörperanzug aus Baumwollpapier sowie Mundschutz und Mütze – ohne diese Ausstattung kommt niemand hinein in die Klinik. Die Vorsichtsmaßnahmen dienen aber nicht etwa dem Schutz der Besucher, sondern dem der Patienten – schon wenige Keime, Bakterien oder Krankheitserreger können hier Hunderte dahinraffen. 4 000 sind momentan in der Klinik in Neuherberg bei München stationiert.

Nach dem Anlegen des Kostüms trennt nur noch eine Luftschleuse den Besucher von den Patienten. Für 60 Sekunden pusten hier 24 Luftdüsen alle Keime von der Schutzkleidung des sich drehenden Besuchers. Lässt der Wind nach, darf man aus dem winzigen Raum in die eigentliche Klinik eintreten. Die Wissenschaftler auf den Fluren und in den Labors tragen blaue OP-Kleidung und weiße Schuhe.

Mehr als 100 Patienten kommen auf jeden der etwa 30 Wissenschaftler – ein Betreuungsverhältnis, das in einer Klinik für Menschen undenkbar wäre – zumindest in Europa. Die Patienten dieser Klinik sind Mäuse (Gattung „Mus“). Und der Sinn ihres Aufenthaltes ist nicht ihre eigene Genesung, sondern die ihrer gar nicht so entfernten Verwandten der Art Homo sapiens. Während ihres 21-wöchigen Klinikaufenthaltes durchlaufen die kleinen Patienten 14 Stationen, an denen sie auf unterschiedliche Fähigkeiten und Eigenschaften getestet werden. Mit Hilfe von 320 Parametern bestimmen die Wissenschaftler ein möglichst genaues Bild der Merkmalsausprägungen jeder einzelnen Maus. Ziel dieser Phänotypisierung ist es, Tiermodelle für genetisch bedingte Krankheiten zu finden, um sie besser zu verstehen und dadurch neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu entwickeln.

Die erste Station für jede Maus ist die Klinische Chemie und Hämatologie (die Lehre vom Blut), wo Birgit Rathkolb und ihre Kollegin Corinna Mörth den kleinen Nagern Blut abnehmen, um ein Blutbild zu erstellen. Rote, gelbe und weiße Kurven für die jeweiligen Blutkörperchen zeigen die Zusammensetzung des Mäuseblutes an. Die Daten können als Referenzwert dienen für Proben anderer – genetisch veränderter – Tiere.

Doch Mäusen Blut abzuzapfen ist viel schwieriger als bei Menschen. Schließlich kann man der Maus nicht einfach ein Luftkissen um das Bein legen und sie bitten, die Pfote zur Faust zu formen. Die beiden Doktorinnen stechen dazu vorsichtig eine sehr feine Glaskapillare hinter das Auge der narkotisierten Maus. Dann geben sie den Tierchen eine Nackenmassage. Nicht etwa zur Belohnung oder Entspannung, sondern damit das Blut besser herausfließt. 500 Mikroliter hochwertigen Mäuseblutes können so gewonnen werden.

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