Hafen im Eis
Sprungbrett in die Antarktis

Keine Kräne, keine Speicher, kein Strom und kein Telefon - die Atka-Bucht an der menschenleeren Antarktis-Küste ist kein gewöhnlicher Hafen. Doch ohne den Anlaufpunkt an der Kante des Ekström-Schelfeises wäre die Forschungsarbeit in der neuen deutschen Antarktisstation Neumayer III undenkbar.
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dpa NEUMAYER-STATION/ANTARKTIS. Dröhnend nähert sich der Motorschlitten der menschenleeren Küste der Antarktis. Vor den mächtigen Eisbergen in der Atka-Bucht tauchen langsam die rostigen Aufbauten eines Schiffes auf. Viel mehr ist von „Ivan Papanin“ nicht zu erkennen: Der russische Frachter hat direkt an der Kante des Ekström-Schelfeises festgemacht. Die einsame Stelle ist ein unersetzlicher Anlaufpunkt und ein Sprungbrett in der Antarktis: Dort liegt der „Hafen im Eis“.

Keine Kräne, keine Speicher, kein Strom und kein Telefon - dieser Naturhafen hat an üblicher Infrastruktur nichts zu bieten. Er liegt an einer gigantischen Eisplatte, die sich vom Festland südwärts auf das Südpolarmeer schiebt. Das ist der fast 9000 Quadratkilometer große schwimmende Teil des Ekström-Schelfeises. Irgendwann brechen Teile ab und driften als typische Tafel-Eisberge davon. 12 bis 15 Meter Eis ragen als Steilufer aus dem Wasser, der gewaltige Eis-Panzer hat einen Tiefgang von rund 100 Metern.

Im antarktischen Sommer ist die Atka-Bucht meistens der einzig zugängliche Punkt für eisverstärkte Schiffe mit Nachschub für Polarstationen. Denn in weitem Umkreis ragt die Schelfeiskante noch höher. Dann haben auch die Bordkräne des Eisbrechers „Polarstern“ Probleme, Frachtgüter und Container vom Schiff auf der Eiskante abzusetzen. Manchmal versperren Packeisbarrieren die Bucht. Dann kann Fracht nur begrenzt und provisorisch über das Meereis transportiert werden.

Heute klappt die Beladung. Der russische Kapitän aus Murmansk freut sich über das gute Wetter: „Wir kommen gut voran, aber morgen wird es schwierig. Sturm ist angesagt.“ Bei wenig Wind werden dutzendweise Container in die Luken der „Ivan Papanin“ gehievt. Sie bildeten das ehemalige Baucamp für die neue deutsche Antarktisstation Neumayer III, die am vergangenen Freitag eröffnet wurde. Monatelang hatten Arbeiter bei Kälte, Schnee und Sturm in dem Containerdorf gewohnt, um das 2300 Tonnen schwere Gebäude zu errichten. Die Einzelteile für den Aufbau füllten allein 99 Container.

Für die Rückfahrt nach Kapstadt und Bremerhaven hat „Ivan Papanin“ rund 180 Container geladen. 60 davon sind mit Müll und Abfällen beladen. Die Arbeiten mussten in den vergangenen Wochen immer wieder unterbrochen werden: Bei Ostwind wird das Schiff mit den Wellen an die Eiskante gedrückt, mehr als ein Meter hoher Schwell macht den Einsatz der Kräne unmöglich. „Manchmal brechen auch größere Stücke aus dem Eis“, erinnert sich Eberhard Kohlberg. Er beaufsichtigt am Wochenende für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven die Verladung im Eis.

Knarzend scheuern die Festmachertrossen des Frachters im leichten Seegang. Im Eis vergrabene Anker halten die „Ivan Papanin“ an der Eiskante fest. Auch die schwierigste Operation gelingt: Zwei knapp 40 Tonnen schwere Baukräne werden behutsam an Bord gehievt. In der Nacht zum Sonntag legt das Schiff endlich mit Kurs Kapstadt ab.

Seit 1980 nutzen deutsche Polarforscher die Atka-Bucht. Ein glücklicher Zufall sorgte 1981 dafür, dass gut zehn Kilometer von hier die erste „Georg-von-Neumayer-Station“ aufgebaut wurde. Eigentlich sollte sie rund 1450 Kilometer weiter südwestlich auf dem Filchner-Schelfeis stehen. Doch dieses Ziel wurde durch dichtes Eis versperrt, die Frachter drehten zum Ausweichziel Atka-Bucht - zum Glück: Die Filchner-Eisplatte riss 1998 ab. Eine kleine, nur im Sommer genutzte deutsche Station musste abgebaut werden, bevor der große Eisberg ganz zerbrach.

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