Handyautomaten
Münzautomaten für Klingeltöne

Klingeltöne gibt es nicht nur im Musikfernsehen und im Internet. Mit einem Münzautomat will Ilja Aßmus Klingeltöne wie Zigaretten oder Kaugummis auch auf der Straße und in Kneipen verkaufen. Sein Unternehmen Gagamedia rechnet mit einem wachsenden Markt.
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Ilja Aßmus saß in einem Potsdamer Café, als das Handy des Tischnachbarn losdudelte. „Ich dachte mir, der könnte sich wirklich mal einen neuen Klingelton besorgen“, erinnert sich der Elektrotechnik-Ingenieur an den Moment vor drei Jahren, als sein Geschäft Gestalt annahm. Wenig später fiel sein Blick auf den Zigarettenautomaten – und da fiel der Groschen. Einen Automaten für Klingeltöne müsste es geben! Das grundlegende Konzept von Gagamedia war geboren. „Gagamedia will nicht einfach ein Vertreiber von Klingeltönen sein“, stellt Aßmus klar. Im Zentrum steht der neue Vertriebsweg: ein Münzautomat für digitale Handy-Inhalte. Gewöhnlich werden Rufmelodien, Hintergrundbilder oder Videospiele für das Handy per SMS oder über das mobile Internet vertrieben. Dabei zahlt der Kunde nicht nur für die Datei: Verbindungsgebühren und der oft mit dem Kauf einhergehende Abschluss eines Abonnements gehen mitunter richtig ins Geld. „Es ist klar, dass die Verbraucher abgezockt werden“, rügte EU-Verbraucherkommissarin Meglena Kuneva vergangenen Sommer die Branche. Vier von fünf Anbietern auf dem Markt seien unseriös. „Bei uns sind die Kosten absolut transparent“, wirbt Aßmus für seine Idee. Der Käufer wählt die Produktnummer, wirft das Münzgeld ein und bekommt die Datei per Bluetooth übermittelt. Weitere Verpflichtungen entstehen nicht. Nach der Übertragung der Datei fallen die Münzen mit lautem Prasseln in den Schacht – in markantem Gegensatz zum virtuellen Geschäftsgegenstand. Diese physische Präsenz ist ein weiterer Vorteil des neuen Vertriebsweges, glaubt Aßmus: „Die Leute sind dankbar, wenn sie was zum Anfassen haben.“ Trotz der gewaltigen Konkurrenz des Internets glaubt Aßmus, dass sich das Geschäft lohnen kann. Der Markt bietet jedenfalls Platz für neue Nischen: In Deutschland wurden mit mobiler Unterhaltung nach Schätzungen des Branchenverbandes Bitkom allein 2008 300 Mio. Euro umgesetzt – ohne SMS und MMS. Als Aßmus sich das erste Mal mit seiner Mutter hinsetzt und mögliche Szenarien durchrechnet, bekommt sogar die Diplom-Kauffrau schnell leuchtende Augen. Die Mutter – die sich mit Klingeltönen bis dahin herzlich wenig auskannte – ist selber schnell überzeugt und mit im Boot. 100 000 Euro für die Gründung bekommt das Familien-Startup durch ein Exist-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Zwei weitere Mitarbeiter stoßen dazu. Im Sommer 2008 ist es dann soweit: in zwei Potsdamer Kinos und in einem Berliner Jugendzentrum stellen sie die ersten Geräte auf. Dort müssen sie keine Gebühren zahlen: Im Gegenzug bieten sie Veranstaltungskalender und Spielpläne zum kostenlosen Download auf das Handy an. Geld verdienen sie mit eigenen Dateien, beispielsweise Klingeltönen, die sie aus dem Tierstimmenarchiv des Berliner Museums für Naturkunde entwickeln. Auch Bücher im Handy-Format gibt es. Besonders an Bahnhöfen könne der mobile Lesestoff ein echter Verkaufsschlager werden, glaubt Aßmus. Überrascht waren die Unternehmer, als dann Anfragen aus einer unerwarteten Richtung kamen: Museen, Messebetreiber und Marketing-Agenturen interessierten sich nach ersten Zeitungsberichten plötzlich für die Technologie. „Museumsbetreiber könnten beispielsweise über unsere Terminals Audioführungen für das Handy anbieten“, schwärmt Aßmus, „sie müssten keine eigenen Geräte mehr vorhalten.“ Messebesucher könnten sich am Handy-Terminal Info-Materialien auf ihr Telefon laden. Und Marketing-Agenturen wittern in der Gagamedia-Technik Potenzial für die Verbreitung interaktiver Werbung. In den Köpfen der Unternehmer nimmt schon ein neues Klingelton-Terminal Gestalt an. Ein Touchscreen soll künftig eine größere Auswahl an Dateien ermöglichen, die Geräte sollen netzwerkfähig werden, über W-LAN mit Notebooks kommunizieren und Karten als Zahlungsmittel akzeptieren. Mit einem Zigarettenautomaten hätte das nicht mehr viel gemein. Trotzdem soll der Geldeinwurfschlitz fester Bestandteil des Konzepts bleiben. Schon wegen der Gewohnheiten der Konsumenten. Aßmus:„Kleinere Beträge werden eben noch oft mit Münzen bezahlt.“

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