Hans Mommsen wird 80
Der Geschichtsschreiber der Deutschen

Er hat sich stets engagiert zu Wort gemeldet. Im „Historikerstreit“ der 1980er Jahre, bei den umstrittenen Hartz IV-Reformen und in der Diskussion um die Filbinger-Äußerungen von Günther Oettinger erhob Hans Mommsen unüberhörbar seine Stimme. Am heutigen Freitag wird der Historiker 80 Jahre alt.
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HB FELDAFING/MÜNCHEN. Er gehört zu den ganz großen der deutschen Historikerzunft. An diesem Freitag (5. November) wird Hans Mommsen 80 Jahre alt. Seine Grundhaltung: sozial-liberal, seine Schwerpunkte: die Geschichte der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung, die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus und der deutsche Widerstand.

Sein politisches Engagement wurde dem 1930 in Marburg geborenen Hans Mommsen in die Wiege gelegt. Er ist der Urenkel des berühmten Historikers, Juristen und Politikers Theodor Mommsen, der im Jahr 1902 für seine „Römische Geschichte“ den Literaturnobelpreis bekam. Von ihm hat er offenbar seine Konfliktfreudigkeit geerbt, seine Pointiertheit und Schärfe, die er in der öffentlichen Auseinandersetzung immer wieder unter Beweis stellte.

So im Jahr 2006, als Literaturnobelpreisträger Günter Grass heftig kritisiert wurde, nachdem er nach jahrelangem Schweigen seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS gestanden hatte. Mommsen nahm Grass in Schutz und nannte die öffentliche Aufregung „scheinheilig“.

Oder im Jahr 2007, als der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) seinen wegen Verstrickungen in den Nationalsozialismus zurückgetretenen Vorgänger Hans Filbinger weitgehend unreflektiert würdigte. Ein Verhalten, für das Oettinger sich von Mommsen den Vorwurf der „Feigheit“ gefallen lassen musste.

Gemeinsam mit seinem nur wenige Minuten jüngeren Wolfgang bezog Hans Mommsen auch im „Historikerstreit“ der 1980er Jahre über die geschichtliche Einordnung des Nationalsozialismus klar Stellung gegen den Berliner Geschichtsprofessor Ernst Nolte. Nolte hatte in einem Artikel den Holocaust als mögliche Reaktion auf die Verbrechen der sowjetischen Kommunisten beschrieben. Daraufhin entbrannte unter deutschen Historikern ein auch im Ausland beachteter Streit um die Bedeutung und eine mögliche Verharmlosung der Nazi-Gräueltaten.

Auch Hans' Zwillingsbruder Wolfgang, der 2004 starb, machte sich als engagierter Geschichtswissenschaftler einen Namen. Die „Mommsen-Zwillinge“ wurden zur Institution in der deutschen Historiker-Szene. Der ältere, 1976 gestorbene Bruder des Zwillingspaares, Karl Mommsen, lehrte in Basel Regionalgeschichte. Auch ihr Vater Wilhelm war - natürlich - Historiker, der allerdings wegen Verstrickungen während der NS- Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Fuß fassen konnte.

Hans Mommsen war in seiner langen und erfolgreichen Karriere Professor für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität in Bochum und Gastprofessor an Universitäten in den USA und Großbritannien. Seit seiner Emeritierung lebt er im oberbayerischen Feldafing am Starnberger See.

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