Herstellung von Kunststoffen
Nobelpreisträger besucht sein Baby

Richard Schrock hat die Herstellung von Kunststoffen optimiert. Vor nahezu 20 Jahren hat der US-Wissenschaftler und Nobelpreisträger eine Methode entwickelt, die eine energiearme Kunststoff-Herstellung ermöglicht. In Bayern nun bestaunte der 63-Jährige seine in die Praxis umgesetzte Idee. Eines schafft aber auch Schrock nicht.
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BURGHAUSEN. Nobelpreisträger sind nicht allzu häufig in großen Industriebetrieben anzutreffen. Wer über Jahrzehnte hinweg im stillen Kämmerlein geforscht hat, braucht wahrscheinlich nicht den regelmäßigen Kontakt zum ganz normalen Leben. Richard Schrock scheint da aus anderem Holz geschnitzt. Der Chemie-Professor aus den USA, der das sogenannte Metathese-Verfahren entwickelt hat, das besonders wichtig ist für die Kunststoffindustrie, freut sich fast wie ein kleiner Junge, als er durch die Raffinerie laufen darf – über Rohre steigt und eine Leiter hinaufklettert. „Es ist wirklich bemerkenswert, was die Ingenieure hier geleistet haben, wirklich unglaublich“, freut sich der US-Forscher bei seinem Besuch in Ostbayern.

Der 64-jährige Amerikaner mit Schweizer Wurzeln erhielt im Jahr 2005 den Nobelpreis für Chemie. Zusammen mit zwei anderen Forschern hat der Chemiker vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) vor bald 20 Jahren eine Methode entwickelt, mit der der Grundstoff Propylen mit deutlich geringerem Energieeinsatz erzeugt werden kann. Der Kunststoff findet sich in vielen Produkten des täglichen Lebens, beispielsweise in Lebensmittelverpackungen oder in der Innenraumausstattung von Autos. Kindersitze und Fahrradhelme wären ohne Propylen kaum denkbar, in Australien und Neuseeland werden daraus sogar Geldscheine gemacht.

Die Metathese sorgt nun dafür, dass bei der Propylen-Herstellung nur noch etwa die Hälfte der Energie benötigt wird, die ältere Anlagen verschlingen. Außerdem ist das nach dem Schrock-Prinzip produzierte Propylen deutlich sauberer und kann so viel problemloser und kostengünstiger in der Kunststoffindustrie eingesetzt werden.

Schrocks Metathese-Ideen haben das Forschungslabor bislang nur einige wenige Male verlassen. Weltweit gibt es gerade einmal neun Anlagen – und nur eine davon steht in Europa, im ostbayerischen Burghausen. Vielleicht liegt es auch am Preis – der österreichische Öl- und Erdgaskonzern OMV hat in seine Raffinerie in der bayerischen Provinz vor zwei Jahren etwa 250 Millionen Euro investieren müssen, damit die Metathese-Anlage heute das saubere und kostengünstige Propylen dort herstellen kann.

Richard Schrock will sich in Deutschland ansehen, wie seine Laborerfindung zu industrieller Größe herangereift ist. 235 000 Tonnen Propylen kann die OMV-Anlage auf der Fläche eines Fußballfeldes pro Jahr produzieren. Die Ausbeute des Nobelpreisträgers im Labor in den USA war deutlich geringer. Und: „Die erste Mini-Metathese hat wahrscheinlich in einen Büroraum hin-eingepasst“, erzählt der Burghausener OMV-Ingenieur Jürgen Popp.

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