Forschung + Innovation
High Tech für Urmensch - Neandertaler im Computertomograph

Der „Patient“ ist seit rund 40 000 Jahren tot und weltberühmt. Langsam gleiten am Mittwoch Teile seines Skeletts auf einem Schlitten in einen Computertomographen.

dpa REMAGEN. Der „Patient“ ist seit rund 40 000 Jahren tot und weltberühmt. Langsam gleiten am Mittwoch Teile seines Skeletts auf einem Schlitten in einen Computertomographen. Experten der Fachhochschule Remagen durchleuchten damit zahlreiche Knochen des 1 856 östlich von Düsseldorf gefundenen Neandertalers.

Das Menschenfossil ist der Namenspatron für die Reste von inzwischen rund 300 anderen weltweit gefundenen Neandertalern. Von den Daten der medizintechnischen Untersuchung erhoffen sich Fachleute in den kommenden Monaten neue Erkenntnisse unter anderem über das Sozialgefüge der Neandertaler. Diese Ergebnisse sollen 2006 zum 150. Jubiläum des Erstfundes in eine große Urmenschen-Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums Bonn einfließen. Der Neandertaler- Erstfund wurde bislang erst ein Mal mit einem Computertomographen untersucht: vor elf Jahren an der Universität Göttingen mit einer viel einfacheren Technik.

Das Skelett des im Alter von rund 45 Jahren gestorbenen Urmenschen weist einen bereits in der Jugend erlittenen Armbruch auf. „Damit stellt sich die spannende Frage, ob das eine lebenslange Behinderung war und der Neandertaler deshalb nicht mehr mit den damals üblichen, zweieinhalb Meter langen Holzlanzen jagen konnte. Dann wäre er jahrzehntelang von Mitgliedern seiner Gruppe versorgt worden“, sagt der Tübinger Urgeschichtler Ralf W. Schmitz, Leiter des seit 1991 laufenden internationalen Neandertaler-Forschungsprojekts.

Dieser Nachweis würde die kürzliche Abkehr von der These untermauern, dass die Neandertaler Primitivlinge ohne ein funktionierendes Sozialgefüge gewesen seien. Dagegen sprechen laut Schmitz auch bereits einige andere Funde von schwer verletzten Neandertalern in Frankreich und im Irak.

Der Erstfund im Eigentum des Bonner Landesmuseums ist im gepanzerten Fahrzeug eines Sicherheitsdienstes nach Remagen gereist. Nur mit Handschuhen berühren die Fachleute vorsichtig das Skelett von unschätzbarem Wert. „Mit der Computertomographie erzeugen wir auch Kubikzentimeter für Kubikzentimeter eine virtuelle Eins-zu-Eins-Kopie des Neandertalers“, erklärt der Zürcher Anthropologieprofessor Christoph P. E. Zollikofer. Zur Schonung des Originals könnten so die weiteren Untersuchungen einfach am Bildschirm erfolgen. „Diese Sicherungskopie kann dann in einem Tresor aufbewahrt werden“, ergänzt der Schweizer Wissenschaftler.

Von der 2006 in Bonn geplanten Ausstellung mit originalen Funden vieler Urmenschen aus aller Welt schwärmt die Direktorin des Rheinischen Landesmuseums, Gabriele Uelsberg, schon jetzt: „Die letzte große Neandertaler-Ausstellung war vor 20 Jahren in New York. Nun wird in Bonn noch viel mehr gezeigt. Wir werden eine große Familienzusammenführung von Neandertalern machen.“

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