Forschung + Innovation
Hiobsbotschaft: Regenwälder durchlöchert „wie ein Schweizer Käse“

Forscher haben eine neue Hiobsbotschaft über die Vernichtung der Regenwälder in Brasilien: Einer US-brasilianischen Studie zufolge ist die bereits zerstörte oder schwer geschädigte Fläche doppelt so groß wie bisher angenommen.

dpa BUENOS AIRES/WASHINGTON/RIO DE JANEIRO. Forscher haben eine neue Hiobsbotschaft über die Vernichtung der Regenwälder in Brasilien: Einer US-brasilianischen Studie zufolge ist die bereits zerstörte oder schwer geschädigte Fläche doppelt so groß wie bisher angenommen.

Eine neuartige Auswertung von Satellitenaufnahmen habe es ermöglicht, erstmals auch „ausgedünnte“ Waldflächen zu erfassen und damit die Folgen des selektiven Holzeinschlages zu messen, berichtet das Forscherteam im renommierten Fachblatt „Science“ (Bd. 310, S. 480) von diesem Freitag. „Der Wald sieht wie ein Schweizer Käse aus“, beklagt Michael Keller von der US-Forstbehörde.

Beim selektiven Einschlag geht es um ausgewählte, wirtschaftlich interessante Bäume. Oft werden dabei allerdings weitere Bäume gefällt oder zerstört, die im Weg stehen. Besonders gefährlich ist nach Kellers Angaben die fehlende Kontrolle. Es würden oft zu viele Bäume gefällt und viel zu viele kleinere Bäume und niedrigere Vegetation vernichtet. Etwa 20 bis 30 Prozent des Blätterdaches des Regenwaldes gingen verloren, und der Regenwald werde durch die Sonneneinstrahlung wärmer, trockener und wesentlich anfälliger für verheerende Waldbrände. Auch die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt werde viel stärker als notwendig in Mitleidenschaft gezogen.

„Es gibt aber eine vorsichtige Weise der selektiven Fällung von Bäumen, die den Regenwald weit weniger schwächt und akzeptabel erscheint“, betont Keller. Dabei müssten die zu fällenden Bäume zunächst in Karten verzeichnet werden, um den Holzeinschlag so zu planen, dass die zerstörerischen Nebeneffekte möglichst gering bleiben. Das Umkippen eines gefällten Baumes lasse sich zudem so steuern, dass der Baum möglichst wenige andere Bäume unter sich begrabe. Eine sorgfältige Planung ermögliche es auch, die Zerstörungen durch das Herausziehen der Bäume durch schwere Maschinen möglichst gering zu halten. „Die Begleitschäden durch selektiven Holzeinschlag lassen sich durch die Beachtung dieser einfachen Regeln um etwa die Hälfte verringern“, betonte Keller.

Erst im Mai hatten neue Erkenntnisse über den rapiden Verlust der Regenwälder die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Wie das Umweltministerium in Brasilia unter Berufung auf Satellitendaten des Weltrauminstituts Inpe damals mitteilte, wurden von August 2003 bis August 2004 mindestens 26 130 Quadratkilometer Urwald vernichtet. Berücksichtigt wurden hier aber nur die nach einem Kahlschlag vollständig gerodeten Waldflächen. Das entsprach etwa der Hälfte der Fläche der Schweiz und bedeutete eine Zunahme von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Wir sind überrascht. Diese Zahlen hätten wir nie erwartet“, musste Umweltministerin Marina Silva einräumen.

„Jede Minute verliert Brasilien eine Fläche von sieben Fußballfeldern wertvollen Regenwaldes“, warnte Michael Evers, Leiter des Fachbereichs Wald bei der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland schon damals. Die Regierung in Brasilia trage eine erhebliche Mitschuld an der Entwicklung, indem sie Bodenspekulationen zur Vergrößerung von Weideflächen für Rinder begünstige und den illegalen Holzeinschlag sowie die Ausbeutung der Arbeiter und die Kriminalität nicht ausreichend bekämpfe.

Im Jahr 2002 hat die brasilianische Regierung das „Amazon Protected Areas Programm“ (Arpa) ins Leben gerufen. Arpa wird auch vom WWF Deutschland, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt. Ziel ist die Schaffung von mindestens 50 Mill. Hektar Schutzgebieten. Das ist nach Ansicht des WWF aber noch völlig unzureichend, um den Kahlschlag zu stoppen. Der Regenwald müsse genutzt werden, ohne ihn zu zerstören, fordern die Umweltschützer.

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