Hirnforschung
Armes Kinderhirn

Arme Kinder haben es schwer – nicht nur, was die materielle Versorgung angeht. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Der Stress in sozial schwachen Familien wirkt sich auch auf die vorpubertäre Hirnentwicklung aus. Wie die soziale Herkunft Intelligenz und Leistungsfähigkeit von Kindern hemmt.
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DÜSSELDORF. Katharina Saalfrank, die „Super Nanny“ des Senders RTL, ist gewöhnlich nicht bei Millionärsfamilien zu Gast. Dass Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen eher zu Verhaltensstörungen neigen, ist unumstritten. Arme Kinder sind auch häufiger krank als andere. Und, das zeigen neuere Untersuchungen, auch die geistigen Fähigkeiten beeinflusst der schwierige Start ins junge Leben. In jüngster Zeit nehmen Wissenschaftler genauer unter die Lupe, welche Fähigkeiten sich vom sozialen Status beeinflussen lassen und wie sich dieser auch in der Hirnentwicklung niederschlägt.

Die Psychologin Martha Farah von der University of Pennsylvania in Philadelphia hat in den letzten Jahren mentale Fertigkeiten von Kindern in psychologischen Experimenten untersucht. Der Nachwuchs aus begüterterem Elternhaus zeigte vor allem ein besseres Sprachvermögen und Kurzzeitgedächtnis. „Entsprechende Hirnregionen wie der präfrontale Kortex entwickeln sich nach der Geburt über einen längeren Zeitraum und sind damit verstärkt der Umwelt ausgesetzt“, so Farah. In Familien mit niedrigem „sozioökonomischem Status“ ist es oft laut und chaotisch, materielle Sorgen führen zu Frust, Streit und Gewalt. Eltern kümmern sich wenig um ihre Kinder.

Eine Psychologengruppe um Mark Kishiyama von der University of California in Berkeley machte eine besorgniserregende Entdeckung, als sie das Aufmerksamkeitsvermögen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft untersuchte. Während sie das Geschehen auf einem Computerbildschirm konzentriert verfolgen sollten, wurde bei den Kindern die elektrische Aktivität im Gehirn gemessen. Bei ärmeren Kindern war der für Aufmerksamkeit wichtige präfrontale Kortex tendenziell weniger aktiv. „Die neuronale Antwort glich der von Menschen, bei denen ein Teil des Frontallappens durch einen Schlaganfall zerstört ist“, so Kishiyama. „Wobei nicht jeder, der arm ist, eine schwache Antwort des Frontallappens zeigte“, schränkt sein Kollege Robert Knight ein.

Normalerweise hilft der präfrontale Kortex, visuelle Reize besser zu verarbeiten. Besonders wenn es Neues zu entdecken gilt, ist er aktiv. Doch die sozial benachteiligten Kinder konnten die optischen Reize nicht angemessen verwerten. „Das ist insgesamt alarmierend. Diese Kinder sind nicht nur arm und haben mit größerer Wahrscheinlichkeit gesundheitliche Probleme. Ihre Gehirne entwickeln sich offensichtlich nicht normal in ihrer vermutlich stressreichen und eher dürftigen Umgebung – einer Umgebung, in der Bücher, Spiele und Museumsbesuche Seltenheitswert haben“, so Knight. Kinder aus armen Familien hören beispielsweise in den ersten vier Lebensjahren ungefähr 30 Millionen Wörter weniger als die aus der Mittelklasse, erläutern die Wissenschaftler.

Als Forscher um den Neurowissenschaftler Rajeev Raizada von der University of Washington die Gehirne von Vorschulkindern anatomisch in Augenschein nahmen, stellten sie fest: Die Menge an grauer und weißer Hirnsubstanz im linken unteren vorderen Gyrus – die Region ist an der Sprachverarbeitung beteiligt – fiel bei den sozial bessergestellten Versuchspersonen üppiger aus.

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