Hirnforschung
Das Gehirn verschiebt alte Erinnerungen

Für alte Erinnerungen nutzt das menschliche Gehirn andere Bereiche als für neuere Erinnerungen. Je älter die Erinnerungen, desto aktiver sind die Bereiche in der Hirnrinde, an der Oberfläche des Gehirns - dem endgültigen Speicherplatz für Langzeiterinnerungen.
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DÜSSELDORF. Das berichten Hirnforscher im "Journal of Neuroscience".

Die Forscher hatten ihren Probanden 160 Fragen gestellt und dabei ihre Hirnaktivität im Magnetresonanztomografen untersucht. Die Fragen bezogen sich auf Nachrichten aus den vergangenen 30 Jahren.

Bei ihrem Experiment stellten die Wissenschaftler fest, dass bei den Fragen nach jüngeren Ereignissen besonders der Hippocampus der Probanden aktiv war. Diese Struktur liegt tief im Gehirn und ist vermutlich verantwortlich für die Erzeugung von Erinnerungen, indem sie Sinneseindrücke zusammenführt und verarbeitet.

Je weiter die Ereignisse jedoch zurücklagen, nach denen die Forscher fragten, desto weniger aktivierten sie den Hippocampus der Probanden. Bei Ereignissen, die vor mehr als zwölf Jahren stattgefunden hatten, spielte diese Gehirnregion fast keine Rolle mehr.

Stattdessen kamen Bereiche in der Hirnrinde, an der Oberfläche des Gehirns, ins Spiel. Sie wurden immer aktiver, je älter die Erinnerungen an die Ereignisse waren. Dabei war es völlig unerheblich, wie detailliert die Probanden sich an die abgefragten Geschehnisse erinnern konnten oder ob sie mit einem Ereignis womöglich auch persönliche Erinnerungen verbanden: Die Hirnaktivitätsmuster blieben in allen Fällen gleich.

"Unsere Ergebnisse unterstützen die Theorie, dass diese Regionen der Hirnrinde der endgültige Speicherplatz für Langzeiterinnerungen sind", sagt Christine Smith von der Universität von Kalifornien in San Diego.

Smith und ihr Kollege Larry Squire stützen damit ältere Studien, in denen gezeigt werden konnte, dass Menschen mit Schäden am Hippocampus am ehesten ihre jüngsten Erinnerungen verlieren, nicht aber die älteren.

"Es ist schon lange bekannt, dass ältere Erinnerungen widerstandsfähiger gegenüber Schäden am Hippocampus sind als neuere", kommentiert Russell Poldrack von der Universität von Kalifornien in Los Angeles die Studie, an der er nicht beteiligt war. "Man nahm an, dass das bedeutete, dass der Hippocampus immer weniger beteiligt ist, je älter Erinnerungen werden. Allerdings gab es in letzter Zeit eine Debatte darüber, ob der Hippocampus wirklich irgendwann keine Rolle mehr spielt."

Howard Eichenbaum, Neurobiologe an der Universität Boston und ebenfalls nicht an der aktuellen Studie beteiligt, ergänzt: "Dies ist der bisher beste Beleg, um eine lange gehegte Vermutung zur Entstehung von Langzeit-Erinnerungen zu unterstützen."

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