Hirnforschung
Mit Hirn-Doping in die schöne neue Welt

Eine Wissenschaftlergruppe fordert den offenen Umgang mit Hirn-Doping und befürwortet Psychopharmaka für gesunde Menschen. Das wirft die Frage auf: Sollen wir uns wirklich kollektiv in eine schöne neue Wissensgesellschaft dopen?
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DÜSSELDORF. Sobald nur das geringste Unwohlsein aufkommt, ein Zweifel, eine innere Unruhe, nehme man einen Schluck Soma – und ein wohliges Glücksgefühl kehre zurück. Nicht nur körperliche, auch seelische Schmerzen gibt's nicht mehr, dank Soma. Die „nebenwirkungsfreie“ Allzweckdroge sorgt dafür, dass die Menschen nichts anderes wollen als Konsum und Sex, dass sie effizient funktionieren, ohne zu lieben, zu leiden und zu denken.

Aldous Huxleys Zukunftsroman „Schöne neue Welt“ ist 77 Jahre alt und wird doch immer aktueller: Dass es Hirn-Doping, also Präparate, die gezielt auf psychische Eigenschaften und mentale Leistungsfähigkeit wirken, bald geben wird, bezweifelt kaum jemand. Bis es so weit ist, versuchen heute bereits immer mehr gesunde Menschen, mit pharmazeutischen Methoden, die bisher offiziell nur für psychisch Kranke gedacht sind, ihre mentale Leistungsfähigkeit und ihre Stimmung zu verbessern.

In den Vereinigten Staaten ist solches Hirn-Doping längst ein Massenphänomen. In einer Online-Umfrage bekannte jeder dritte Wissenschaftler, der geistigen Fitness gelegentlich mit Medikamenten nachzuhelfen. „Ritalin“ zum Beispiel bessert nicht nur die Konzentrationsfähigkeit von aufmerksamkeitsgestörten Kindern, sondern auch die von gesunden Erwachsenen – so empfinden es zumindest viele Anwender. Auch Mittel gegen Altersdemenz nehmen offenbar häufig gesunde Menschen vor Prüfungen ein. Die Wirksamkeit der bislang verfügbaren Psychopharmaka bei Gesunden ist umstritten, Langzeitstudien, die gesundheitliche Schäden eines regelmäßigen Neuro-Enhancements offenbaren könnten, fehlen bislang.

Schneller als die Pharmazeuten sind die selbst ernannten „Neuro-Ethiker“, die vorgeben zu wissen, wie die Gesellschaft und der Einzelne mit solchen Mitteln umzugehen habe. Sieben Psychiater, Philosophen und Juristen, die in der Projektgruppe „Potenziale und Risiken des pharmazeutischen Enhancements“ zusammenarbeiten, fordern nun in dem gemeinsamen Memorandum „Das optimierte Gehirn“ in der Zeitschrift Gehirn & Geist einen „offenen und liberalen Umgang“ mit künftigen Präparaten. Es gebe keine „überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche“, denn das sei nur die „Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln“.

Der Text, der am Montag in Berlin der Presse präsentiert wurde, ist ein bestürzendes Dokument der mangelnden philosophischen Tiefe im medizinethischen Diskurs. Von Menschen, die sich als Philosophen oder Ethiker bezeichnen wie die Autoren Thorsten Galert, Reinhard Merkel und Bettina Schöne-Seifert (Mitglied im „Deutschen Ethikrat“), sollte man Gedanken erwarten über all das, was künftige Psychopharmaka verändern könnten: die Freiheit des Menschen und die Schicksalhaftigkeit des Lebens zum Beispiel. Man könnte von der Existenzphilosophie sprechen, von Karl Jaspers und Martin Heidegger. Ist ein Mensch noch er selbst, nachdem er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele schönheitschirurgisch verändert hat?

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    (Drogen-)Abhängigkeit ist auch keine „unheilbare Krankheit“. ABER die Menschen müssen vor Drogen geschützt werden. Drogen ist mit das größte Problem unserer heutigen Gesellschaft und der einzige Weg dem entgegen zu wirken ist Aufklärung und Prävention.
    Informiert Euch, Eure Familie, Freunde und Bekannten!
    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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