Hirnforschung
Vertrauen steckt uns in den Genen

Ohne Vertrauen läuft gar nichts - weder in der Wirtschaft, noch in der Politik. Jetzt haben Forscher herausgefunden: Die Annahme, dass unsere Mitmenschen es gut mit uns meinen, ist angeboren. Wie unser Gehirn steuert, ob wir anderen Menschen über den Weg trauen.
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DÜSSELDORF. Vertrauen ist der Klebstoff der Gesellschaft und der Treibstoff der Finanzwirtschaft. Ohne Vertrauen brechen Freundschaften und Organisationen auseinander, Liebende entzweien sich, und Volkswirtschaften geraten in die Krise.

Vertrauen ist überall, wo Menschen sind - aber es ist auch schnell wieder verschwunden. Doch woher kommt es? Ist es ein notwendiges Übel, dem sich die Völker unterordnen, um funktionieren zu können? Ist es ein Konstrukt der Gesellschaft, das jeder Mensch lernen muss? Oder ist es dem Menschen schon in die Wiege gelegt?

Wissenschaftliche Studien lassen vermuten, dass die Fähigkeit zu vertrauen in den Genen liegt. Das zeigen auch Experimente mit Menschen, die aufgrund einer Genmutation besonders viel Vertrauen haben. So viel, dass es schon gefährlich ist, denn sie haben keinerlei Gefühl für die Böswilligkeiten anderer. Menschen mit dem sogenannten Williams-Beuren-Syndrom (WBS) fehlen rund 21 nebeneinander liegende Gene auf dem siebten Chromosom, was zu einer Vielzahl von Symptomen führt. Typisch ist das Kobold- oder Elfengesicht mit großem, rotem Mund, ausladenden Nasenflügeln und rundlicher Nasenspitze. Auch die geistige Entwicklung ist häufig beeinträchtigt, andererseits sind diese Menschen oft großartige Musiker.

Andreas Meyer-Lindenberg interessiert sich vor allem für ihr hypersoziales Verhalten. In einer wissenschaftlichen Studie an den National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, untersuchte er die Hirnaktivitäten von 13 Freiwilligen mit dem WBS-Syndrom mittels eines Magnetresonanztomografen.

Der deutschstämmige Mediziner zeigte seinen Versuchspersonen Bilder von bedrohlichen Gesichtern. Zeigt man gesunden Versuchspersonen diese Bilder, steigert sich deren Hirnaktivität in der Amygdala, einer für Emotionen, besonders für Angst, zuständigen Struktur des Gehirns. Bei der WBS-Gruppe änderte sich die Aktivität dagegen nicht. Meyer-Lindenberg vermutet, dass dies der Grund für das supersoziale Verhalten seiner Probanden sein könnte: "Die Amygdala ist wichtig für Angstverhalten, reagiert sie nicht, könnte das der Grund sein für die verminderte Angst vor Fremden", so der Neurowissenschaftler.

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