Hirnscans
Fährtenlesen im menschlichen Geist

Die Muttersprache prägt unser Denken. An die Töne der Sprache sei eine ganze Gedankenwelt geheftet, meinte einst Wilhelm von Humboldt. Unter modernen Linguisten ist diese Sicht umstritten. Sie versuchen die Unterschiedlichkeit der Sprachen mit Hirnscans zu analysieren.
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DÜSSELDORF. Für überzeugte Freunde der alten Sprachen gibt es eigentlich nur den einen guten Grund, jede neue Generation wieder den Händen altphilologischer Pädagogen zu überantworten. Man zitiert ihn aus den Hinterlassenschaften Wilhelm von Humboldts: „Die Verschiedenheit der Sprachen ist nicht eine Verschiedenheit an Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten.“

An die Töne der Sprache sei eine ganze Gedankenwelt geheftet, meinte der Begründer der deutschen Linguistik. Und daraus folgt für grundständige Humanisten, dass man mit den klassischen Sprachen eben keine toten Gerippe aus den Gräbern zerrt. Man erweckt ein unersetzliches Bildungswerkzeug zum Leben, das nicht nur die geistige Zeitreise in die Antike ermöglicht, sondern auch den Geist auf seine eigene, ganz besondere Weise formt.

Unter Linguisten ist bis heute heftig umstritten, ob es einen solchen „sprachlichen Determinismus“, also individuelle Verformungen des Geistes durch die ihm bekannten Sprachen, tatsächlich gibt. Seit kurzem wird die Debatte aus akademischen Höhen auf sehr anschauliche Füße gestellt: Die Geisteswissenschaftler bedienen sich im Methodenschrank der darstellenden Naturwissenschaften. Denn, so ihr Kalkül, wenn Sprachen im Gehirn wirklich individuelle Fährten hinterlassen, dann müsste man diese mit der heutigen Messtechnik auch sehen können.

In einem Regen exakt kalkulierter Sätze messen Elektroden millisekundengenau die Hirnströme der Berieselten. Oder große Magnetröhren zeichnen mit der Auflösung von Kubikmillimetern auf, wo im Gehirn wie viel Energie verbraucht wird. Dabei entstehen Fahrpläne und Landkarten des Geistes.

Von immer mehr Hirnregionen wird so bekannt, dass sie Sprache verarbeiten. Schrieb man das früher ausschließlich zwei Großhirnbereichen in der linken Schläfengegend zu, so ist jetzt klar, dass auch Rindenareale in der rechten Hemisphäre und tiefe Regionen an dem Prozess teilnehmen. Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig beobachteten etwa im Thalamus Aktivität, als richtige von falschen Sätzen unterschieden werden sollten. „Tiefe Regionen vermitteln zwischen den Großhirnbereichen“, sagt Angela Friederici, Direktorin der Abteilung Neuropsychologie. „Satzbau, Satzmelodie und Wortbedeutungen werden dort in getrennten Nervenzell-Netzen analysiert. Wann diese Netze von der Vermittlung Gebrauch machen – das unterscheidet die verschiedenen Sprachen.“

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