Historikerstreit
Kehrseitenbesichtigung nach 20 Jahren

Der Berliner Historiker und Philosoph Ernst Nolte schrieb 1986, der Nationalsozialismus sei politisch in nicht unerheblichem Maße als Reaktion auf den Bolschewismus erstarkt; Hitler sei in gewissem Sinne als "Anti-Lenin" zu begreifen. Seine These: "War nicht der Archipel Gulag' ursprünglicher als Auschwitz?" Ein Sturm der Entrüstung hob an, Historikerkollegen erregten sich.

Nun, da der "Historikerstreit" zwei Jahrzehnte zurückliegt, scheint es geboten, Bilanz zu ziehen und Rückschau zu halten. Und tatsächlich beobachten wir in diesen Wochen eine verstärkte mediale Beschäftigung mit jener publizistischen Großkontroverse der achtziger Jahre, die nur sehr bedingt ein Streit innerhalb der Historikerzunft war - viel eher ein feuilletonistischer Kulturkampf der Bundesrepublik Deutschland unter Beteiligung zahlreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter einige namhafte Historiker.

Worum ging es? Was erhitzte die Gemüter so sehr? Als eigentlicher Kern der Auseinandersetzung entpuppte sich sehr schnell jener Ansatz des Berliner Historikers und Philosophen Ernst Nolte, den dieser in einem pointierten Artikel im Juni 1986 erstmals einem breiteren Publikum vorgetragen hatte: Der Nationalsozialismus, so Ernst Noltes folgenreiche These in der Frankfurter Allgemeinen, sei politisch in nicht unerheblichem Maße als Reaktion auf den Bolschewismus erstarkt; Hitler sei in gewissem Sinne als "Anti-Lenin" zu begreifen. Dieser, später von Nolte in einer umfangreichen Monografie mit dem Titel "Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus" entwickelte Ansatz einer historisch-genetischen Interpretation des Nationalsozialismus war es, der dem bis dato hoch geachteten Gelehrten den massiven und bis heute im Raum stehenden Vorwurf der Verharmlosung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen eintrug.

Dies, zumal Nolte sich nicht gescheut hatte, den heikelsten aller möglichen Streitpunkte - die zeithistorische Relationierung der ideologischen Massenverbrechen des Nationalsozialismus wie des Bolschewismus - unumwunden in Frageform vorzutragen: "War nicht der Archipel Gulag' ursprünglicher als Auschwitz? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?" - sprich aus dem Schreckbild der russischen Revolution bzw. jener angedrohten Vernichtung des Bürgertums im Zuge eines siegreichen Übergriffs des "jüdischen Bolschewismus" nach Westeuropa.

Hitlers Erfolg, so konnte man Nolte interpretieren, resultierte also nicht unwesentlich aus seiner Aura eines antikommunistischen "Retters" des deutschen Bürgertums, des Adels und großer Teile der nicht-kommunistischen Arbeiterschaft, ja letztlich wäre die nationalsozialistische Herrschaft ohne die vorangegangene Etablierung der ideologischen Schreckensherrschaft durch Lenin und Stalin in Russland kaum vorstellbar gewesen. Jener Furor, der Nolte im Verlauf der Kontroverse von 1986 bis 1988 entgegenschlug und der den geachteten Geschichtsdenker immer mehr auf eine "trübe, ja verächtliche Erscheinung der deutschen Zeitgeschichte" (Marcel Reich-Ranicki) zu reduzieren drohte, mit der man nicht länger debattieren, sondern über die man allenfalls noch debattieren könne, jener Furor wurde erstmals zehn Jahre später - im Lichte der Implosion der kommunistischen Zwangsherrschaft in Mittel- und Osteuropa sowie des Erscheinens des "Schwarzbuchs des Kommunismus" - vorsichtig abgemildert.

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