Hochwasserschutz
Land unter

Der steigende Wasserpegel stellt Belgien, die Niederlande und Großbritannien vor neue Herausforderungen. Gemeinsam bemühen sie sich um einen besseren Hochwasserschutz – und tun nebenbei noch etwas für die Umwelt.

HAMME. Die Anweisungen von Tom Maris sind kaum zu verstehen - so laut rauscht das Wasser durch die kleine Schleuse am Deich in Hamme an der belgisch-niederländischen Grenze. Der Ingenieur von der Universität Antwerpen misst zusammen mit seinen Mitarbeitern den Wasserstand im Polder. An verschiedenen Stellen steckt er seinen Meterstab in den Boden und trägt die Zahlen fein säuberlich in seine Papiervorlage ein.

Hier an der Schelde bemühen sich die Niederlande und Belgien gemeinsam um einen besseren Hochwasserschutz. Und die beiden Nachbarländer verfolgen dabei ein doppeltes Ziel: „Wir wollen die Sicherheit der Dörfer mit dem Umweltschutz verbinden", sagt Maris. „Wir wollen mit der Natur leben - nicht gegen sie."

Das Prinzip ist einfach: Bei Hochwasser wird das Wasser durch den Deich in die Polderflächen geleitet. So geht der Druck auf die Deiche zurück, und die Häuser dahinter bleiben in Sicherheit. Gleichzeitig nutzen die Ingenieure die Polder zur Naturentwicklung. Und davon profitieren alle, die entlang des Flusses wohnen: Belgier und Niederländer gleichermaßen.

„Wir haben alle die gleichen Probleme: Der Meeresspiegel steigt, die Deiche sind bedroht. Die Nationalität ist da völlig egal", sagt Frank van Holst, der in Den Haag das Projekt koordiniert, an dem neben den Niederlanden und Belgien auch Großbritannien beteiligt ist. „Es ist sehr sinnvoll, die jeweiligen Erfahrungen auszutauschen und die besten Mittel zu übernehmen."

Von 2004 bis 2007 wurde „Frame" - so heißt das Dreiländer-Projekt zum Hochwasserschutz - mit 8,9 Mill. Euro gefördert. Die Hälfte des Geldes kommt aus EU-Töpfen für regionale Entwicklung. Den Rest steuerte die öffentliche Hand in den drei beteiligen Ländern bei. Jetzt warten die Projektmanager auf die Entscheidung, wie viel Geld es ab dem kommenden Jahr gibt.

Aber die einzelnen Schutzmaßnahmen laufen auf jeden Fall weiter, sagt van Holst. Insgesamt gibt es sechs Einzelprojekte in Großbritannien, den Niederlanden und Belgien. „Das sind langfristige Vorhaben, von denen die Sicherheit unserer Länder abhängt. Die können wir nicht einfach so aufgeben", sagt der Projektmanager.

Tom Maris stapft mit Gummistiefeln, die genauso grün sind wie das Poldergras, durch den Matsch hinter dem Deich. Dann dreht er an einer Kurbel aus Eisen, und die kleine Schleuse im Erdwall öffnet sich. Regelmäßig überprüft Maris so gemeinsam mit seinen Kollegen die Schleuse und den Wasserstand. „Bisher hatten wir an dieser Stelle noch kein Hochwasser", sagt der Ingenieur. „Aber wir müssen für den Notfall vorbereitet sein."

Denn in den letzten 100 Jahren ist das Niveau der Schelde um einen Meter gestiegen - ein Vielfaches mehr als der Meeresspiegel. Deshalb konzentriert sich die niederländische Regierung bei ihren Hochwasserschutzprojekten auf Flüsse und Küste gleichermaßen - in internationalen Projekten wie „Frame" und in Eigenregie.

Bis zum Jahr 2015 hat die Regierung in Den Haag fünf Mrd. Euro zum Schutz des Landes vor den Folgen der Klimaveränderung bewilligt. „In zehn Küstengebieten reicht der bisherige Schutz vor den Wassermassen nicht mehr aus", sagt die für Wasserwirtschaft zuständige Staatssekretärin Tineke Huziniga. Mit dem Geld würden Deiche erhöht, Strände verbreitert und Dünen gesichert. Nur so könne das Land vor der Kraft der Wellen geschützt werden, sagt die Staatssekretärin. Denn mehr als ein Drittel der Niederlande liegt unterhalb des Meeresspiegels. Zunächst soll die Küste von Noordwijk in der Nähe von Den Haag verstärkt werden.

Und ganz nebenbei profitiert auch die Natur von manchen Projekten - zumindest in Hamme. Denn auch wenn der Pegelstand keine Gefahr darstellt, lässt Tom Maris zwei Mal täglich Wasser von der Schelde in den Polder und zurück fließen. Das verbessere nach und nach die Wasserqualität, erklärt der Ingenieur. „Die Schelde hat einen sehr geringen Nährstoffgehalt, im Polder wird das Wasser angereichert und fließt dann wieder ins Flussbett zurück. Dadurch verdoppelt sich der Nährstoffgehalt", sagt Maris. Und davon können sich dann zum Beispiel Fische ernähren.

Das Prinzip, Hochwasser- und Naturschutz zu verbinden, könnte auch für Deutschland Vorbildcharakter haben, meint Projektkoordinator van Holst. „Die Schelde und die Elbe haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Wir können nicht immer nur höhere Deiche bauen, sondern müssen zum Beispiel auch die Geschwindigkeit der Flut verlangsamen. Wir könnten viel voneinander lernen."

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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