Hoffnung für Alzheimer-Patienten
Die Anstandsdamen der Eiweiße

Fehlerhafte Eiweiße machen krank: Sie sind maßgeblich am Vergessen bei der Alzheimer-Erkrankung beteiligt, auch Lungenerkrankungen und Nervenleiden gehen auf falsch gefaltete Eiweiße zurück. Nun gibt es Hoffnung: So genannte Chaperone sorgen dafür, dass Proteine sich richtig falten - ein Hoffnungsschimmer für Pharma-Konzerne und Betroffene.

DÜSSELDORF. Es gibt fast keinen Abend, an dem das Ehepaar Hartl nicht lebhaft über Anstandsdamen diskutiert. Die Definition des Wortes hat Franz-Ulrich Hartl parat: "Eine Anstandsdame hindert unreife Menschen daran, sich zu einer unerwünschten Aktion zusammenzufinden." Allerdings sprechen er und seine Frau Manajit Hayer-Hartl nicht über lüsterne Jugendliche, sondern über ein spannendes Feld der Biochemie, auf dem sie gemeinsam am Max-Planck-Institut in München forschen: In jeder Körperzelle tummeln sich molekulare Anstandsdamen, sogenannte Chaperone, die darüber wachen, dass Eiweiße richtig gefaltet werden.

Meist mutet die dreidimensionale Struktur der Proteine für das menschliche Auge wie ein wirres Knäuel an; in Wahrheit hat es aber eine exakt definierte Form. "Ein Eiweißfaden hat Milliarden Möglichkeiten, sich zu falten. Aber nur eine einzige Form ist richtig", sagt Hartl. Missrät das Origami in der Zelle, sind die fehlgefalteten Eiweiße im schlimmsten Fall nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich: Sie machen krank.

Fehlgeformte Proteinklumpen sind beispielsweise bei der Alzheimer?schen Erkrankung und bei der Parkinson-Krankheit maßgeblich am Vergessen beteiligt. Ebenso entstehen beim Nervenleiden Chorea Huntington, auch Veitstanz genannt, krankhafte Eiweiße in den Neuronen. Schon früh ahnte man einen Zusammenhang zwischen den unkoordinierten Bewegungen der Betroffenen und den Proteinklumpen oder "Plaques" und nannte sie deshalb "Huntingtin".

Falsch gefaltete Proteine tauchen auch bei der Lungenerkrankung Zystische Fibrose auf. Nicht zuletzt wird der Rinderwahnsinn bei Kühen von fehlerhaft angeordneten Eiweißen ausgelöst. "Ohne die molekularen Anstandsdamen gäbe es keine funktionstauglichen Proteine. Damit gäbe es keine lebenden Zellen und kein Leben", führt Hartl aus.

Aus diesem Grund sind die Pharmafirmen neuerdings ebenfalls auf die Welt der Anstandsdamen aufmerksam geworden. "In den USA laufen große Fahndungen in den Forschungslabors, um Substanzen zu finden, die die Chaperonaktivität beeinflussen", berichtet Hartl. Diese Stoffe könnten eines Tages der Altersdemenz vorbeugen oder abhelfen. Bis es erste Arzneien gibt, werden allerdings noch Jahre vergehen.

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