Hoffnung wird auf "Big Pharma" gesetzt: Das flämische Wunder aus dem Chemielabor

Hoffnung wird auf "Big Pharma" gesetzt
Das flämische Wunder aus dem Chemielabor

In Erwin Annys’ Brüsseler Büro stapeln sich Studien, Positionspapiere und Bücher – der Schreibtisch ist übersät. Der Verbandsmanager, der die Innovationspolitik der belgischen Chemieindustrie betreut, ist ein Chaot – und er schämt sich nicht einmal dafür: „Ich war schon immer ein Anhänger der Chaostheorie“, sagt der 44-Jährige, „das gehört sich für einen Chemiker.“

HB BRÜSSEL. Doch die Zahlen, die die bedeutende Rolle Belgiens in der Chemieindustrie belegen, hat Annys trotz des Chaos sofort parat: In dem kleinen Land leben nur vier Prozent der Bevölkerung in Europa, doch es trägt acht Prozent zur gesamten europäischen Chemieproduktion bei.

Die Erfolgsgeschichte, die ihren Anfang bei der alten Urmutter Solvay nahm, findet ihre Fortsetzung heute in der Region Flandern. Wörter wie Spin-off oder Science Park gehen den Menschen dort leicht über die Lippen, seit ehrgeizige Biochemiker und Biopharmazeuten in der Nachbarschaft der Universitäten von Gent, Antwerpen und Löwen ihre jungen Firmen gründeten. Schon mit der ersten biomedizinischen Welle Anfang der achtziger Jahre gründete sich Innogenetics, eine Forscherfirma mit Netzwerken in die ganze Welt. Sie startete mit biotechnologisch hergestellten Diagnostika und steht heute kurz vor dem Weltmarktdurchbruch mit einem Impfstoff gegen Hepatitis C.

Rund 600 Mitarbeiter beschäftigt Innogenetics im Technologiepark in Gent. Die Firma ist eine von 35 Gesellschaften, in deren Labors es zischt und brodelt und die sich inzwischen in Flandern angesiedelt haben. Angesichts der Zusammenballung von Bio-Tech-Firmen in der Region ist schon vom „flämischen Wunder“ die Rede.

Verbandsmanager Annys bietet als Interviewsprachen ganz selbstverständlich Deutsch, Englisch, Französisch oder Niederländisch an. Viele Menschen in der Region nördlich von Brüssel, wo Niederländisch gesprochen wird, wachsen viersprachig auf – eindeutig ein Wettbewerbsvorteil, glaubt Annys.

Er hofft jetzt, dass „Big Pharma“ den jungen Firmen die Hand reicht und ihren Erfindungen auch kommerziell zum Erfolg verhilft. Konzerne wie Bayer, BASF oder Dow Chemical haben bereits Abteilungen nach Flandern verlagert. Neben den Biopharmazeutika stellt die Lebensmittelindustrie einen Forschungsschwerpunkt in der traditionellen Agrarregion dar.

Eines freilich fehlt im flämischen Innovationsbaukasten noch: die mutigen Investoren. „Für Venture Capital ist dem Belgier das Geld zu schade“, bedauert Chemiker Annys: „Aber zum Fund-Raising, also zum Betteln um Geld, fehlt uns halt die Mentalität.“

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