Homosexualität
Gene, Hormone und große Brüder

Homosexualität ist eine normale Spielart der Natur. Die Wissenschaft geht davon aus, dass der Anteil der Homosexuellen über die Zeit und in den verschiedensten Kulturen konstant bleibt. Was die sexuelle Orientierung prägt, ist allerdings schwerer zu ergründen.

DÜSSELDORF. Oft sind es Zufälle, die das Leben verändern. Auch bei Thomas. Zu ihm kam der Zufall in Form eines heftigen Regenschauers. Er stieg vom Motorrad, suchte Zuflucht in einer Kneipe in der Berliner Motzstraße und verliebte sich - in einen Mann. Drei Jahre ist sein Coming-out jetzt her. Seine Freunde wissen längst, dass Thomas schwul ist. Das Problem waren seine Eltern. "Ich wusste, dass sie sich irgendwie schuldig fühlen", erzählt der 27-Jährige. Neulich hat er es dann doch gesagt und tatsächlich stellte seine Mutter die Frage, die er befürchtete: "Was haben wir nur falsch gemacht?"

"Nichts", antwortete Thomas im Brustton der Überzeugung. Zu Recht, denn jeder seriöse Wissenschaftler wird ihm heute uneingeschränkt zustimmen. "Niemand kann zur Homo- oder zur Heterosexualität erzogen oder verführt werden", stellt Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel, klar. "Und ebenso wenig kann man jemanden davon befreien." Denn: Egal ob bi, homo oder hetero - die sexuelle Orientierung hat biologische Hintergründe. Ähnlich der Händigkeit sind auch die geschlechtlichen Präferenzen fest im Gehirn verankert, wahrscheinlich bereits bei der Geburt. Das bedeutet: Entgegen nach wie vor weit verbreiteten Vorstellungen ist Homosexualität weder eine psychische Störung, schon gar kein Zeichen allgemeinen Sittenverfalls und noch nicht einmal eine persönliche Entscheidung - sondern einfach eine natürliche Variante menschlicher Liebesfähigkeit.

Eine ziemlich weit verbreitete Variante. In repräsentativen Umfragen bezeichnen sich zwei bis drei Prozent der Frauen klar als lesbisch. Bei den Männern fühlen sich drei bis fünf Prozent ausschließlich vom eigenen Geschlecht angezogen. Dass der Anteil der Homosexuellen über die Zeit und in den verschiedensten Kulturen konstant zu scheinen bleibt, wertet Hartmut Bosinski als ein Indiz für eine biologische Erklärung. "Außerdem gibt es kein systematisches Sozialisationsmuster, das immer zu einer bestimmten sexuellen Orientierung führt." Wenn aber nicht das soziale Umfeld oder die Erziehung über homoerotische Tendenzen entscheiden, was dann?

Die Gene lautet in solchen Fällen Standardantwort Nummer zwei. Zu dieser Allzweckwaffe unter den Lösungsvorschlägen griff 1993 der amerikanische Forscher Dean Hamer und sorgte damit weltweit für Schlagzeilen. Der Genetiker von den National Institutes of Health in Bethesda verkündete den Fund der Anlage zur Homosexualität im menschlichen Erbgut - in der Region Xq28 genauer gesagt. X weil dieser Genort auf dem X-Chromosom lokalisiert ist. Was im Folgeschluss bedeutet, dass gleichgeschlechtliche Neigungen stets über die Mutter vererbt werden. Horden von Wissenschaftlern haben seitdem versucht, Hamers Entdeckung zu bestätigen - alle erfolglos. 2005 nahm ein Team um Brian Mustanski von der University of Illinois in Chicago das angebliche "Schwulen-Gen" noch einmal ganz genau unter die Lupe. Ergebnis: keinerlei Anhaltspunkte für eine Verbindung zwischen Xq28 und Homosexualität.

Dafür wurden sie an anderer Stelle fündig. Bei homosexuellen Brüdern zeigen drei Genabschnitte überproportional häufig dieselbe Variation. Sie liegen allerdings nicht auf dem X, sondern auf den Chromosomen sieben, acht und zehn - womit die Mütter ausschieden. Anders als Dean Hamer, der seinerzeit vollmundig verkündete, die Vorliebe fürs gleiche Geschlecht sei "zu 99,5 Prozent genetisch bedingt", übt sich Studienleiter Mustanski in Zurückhaltung, wohl auch, weil seine Resultate nur ganz knapp die Kriterien der Vererbungsstatistik erfüllen. "Unsere Vermutung ist, dass zahlreiche Gene, wahrscheinlich im Zusammenspiel mit verschiedensten Umwelteinflüssen, die Andersartigkeit der sexuellen Orientierung begründen."

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