Forschung + Innovation
Im Cyberspace durch die Altstadt von Tübingen - Gehirnfunktionen

Obwohl es heller Tag ist, sind die Straßen menschenleer, und die Stadt riecht nach nichts. Das stört noch, ansonsten wirkt die virtuelle Altstadt Tübingens auf einem Trip mit dem Cyberspace-Shuttle sehr real.

dpa TüBINGEN. Obwohl es heller Tag ist, sind die Straßen menschenleer, und die Stadt riecht nach nichts. Das stört noch, ansonsten wirkt die virtuelle Altstadt Tübingens auf einem Trip mit dem Cyberspace-Shuttle sehr real. Technik täuscht die Sinne gekonnt, sorgt etwa dafür, dass sich Häuser mitbewegen, wenn der Proband den Kopf bewegt und dass er den Eindruck bekommt, Geräuschquellen zu passieren. In einem der besten Cyberspace-Labore Deutschlands, am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, tasten sich Forscher zu den Grundlagen der menschlichen Navigation vor. Die Erkenntnisse dienen Wissenschaft und Technik.

„Erst wenn wir wissen, wie das Gehirn die Umwelt wahrnimmt und darin navigiert, kann man eine Computerwelt so konstruieren, dass der Mensch sie akzeptiert und sich darin natürlich verhält“, sagt der Physiker Bernhard Riecke. Virtuelle Realitäten werden heute immer wichtiger. Zu den wichtigsten Anwendern gehören Mediziner, Autobauer oder Pilotentrainer. „In ein paar Jahren wird es ein Standard sein, dass Architekten mit ihren Kunden vor dem Bauauftrag virtuell durch das geplante Haus laufen“, sagt Manfred Bogen vom Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation in Sankt Augustin bei Bonn.

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt arbeiten mit industriellen Partnern daran, künstliche und echte Welten zu vermischen. „Eine Brille mit eingebautem Minibildschirm zeigt einem Wartungstechniker virtuelle Objekte an einer realen Maschine“, erklärt der Leiter der Abteilung Virtuelle Realität, Didier Stricker. „Das ist das Reparatur-Handbuch der Zukunft.“ Mediziner könnten auf analoge Weise Computertomographie-Bilder auf den Patientenkörper projizieren, um die zu behandelnde Stelle schnell und sicher zu lokalisieren.

Vor der Perfektion solcher Anwendungen steht die Grundlagenforschung. „Im Kern geht es uns erst mal um simpel erscheinenden Fragen, wie: Auf welche Weise merkt der Mensch, dass er sich bewegt?“, sagt Riecke. Augen, Ohren, der Gleichgewichtssinn im Innenohr und der Tastsinn lieferten Informationen. „Aber wie stellt das menschliche Gehirn eine Bewegung des Körpers fest?“ Oft müssten zudem widersprüchliche Signale richtig gedeutet werden. „Jeder hat das schon erlebt: man sitzt im Zug und denkt, es geht los, dabei fährt der Nachbarzug ab.“

Um solche Täuschungen zu studieren oder die menschliche Orientierung anhand von Landmarken zu analysieren, brauchen die Forscher standardisierte Testbedingungen, die es nur in der virtuellen Realität gibt. Daher arbeiten die Tübinger ständig an einer Verbesserung des Cyberspace. Fotorealistische Bilder auf einer Riesenleinwand oder auf Displays in einer Spezialbrille täuschen die Augen. „Scanner müssen dabei die Position der Testperson verfolgen der Computer stets blitzschnell den Blickwinkel des Bildes verändern, sonst wirkt es unecht“, erklärt Riecke. Die Berechnung muss genau stimmen. „Sonst ruft das schnell Schwindelgefühle hervor.“

Die Erkenntnisse der Cyberspaceforschung werden bald auch Science- Fiction-Fans und Geschichtsinteressierten zugute kommen. Museen arbeiteten an virtuellen Nachbauten etwa für Monumente antiker Städte, sagt Riecke. „Vergnügungsparks und Spieleentwickler sind an unserer Forschung interessiert, um interaktive Games oder einen Besuch auf fernen Planeten anbieten zu können.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%