Im Interview: Helge Ritter
„Roboter wissen noch zu wenig von der Welt“

Helge Ritter einer der führenden Roboterexperten in Deutschland. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der Direktor des Instituts für Kognition und Robotik der Uni Bielefeld, wie Roboter lernen – und wo die Automaten den Menschen ersetzen können.
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Handelsblatt: Herr Ritter, wie lernen die bisher modernsten Roboter, was sie tun sollen?

Ritter: Robotern etwas beizubringen, ist eine sehr vielschichtige Aufgabe. Am besten funktioniert es bisher mit dem sogenannten Trajektorien-Teaching. Das bedeutet, dass man einen Roboter entlang einer gewünschten Bewegungsbahn nachführt, die er sich dann merkt und anschließend beliebig oft exakt wiederholt. Dies ist ein sehr verbreitetes Verfahren. Es stößt aber sofort an seine Grenzen, wenn die Bewegungsabläufe stärker variieren sollen. Zum Beispiel, wenn ein Roboter bereits ein Marmeladenglas öffnen kann, aber auch andere Marmeladengläser öffnen soll, die größer oder kleiner sind oder die einen anderen Schließmechanismus haben. Das zu erlernen, erfordert weit mehr als die Wiederholung einer Bewegung. Der Roboter muss dazu eine Menge an Handlungskontext verstehen, und das ist bisher in weiten Teilen noch Gegenstand der Forschung.

Können Roboter nicht einfach nachahmen, was Menschen ihnen vormachen?

Auch uns selbst fällt Nachahmen nur leicht, wenn wir auf vorher Gelerntes zurückgreifen können. Wenn uns dagegen etwas wirklich neu ist, wie etwa einen neuen Knoten in einem Seil nachzuknüpfen, spüren wir, wie schwierig erfolgreiches Imitieren sein kann. Ein Roboter ist beim Imitieren fast immer in dieser Lage, er steht sozusagen fast immer vor einem neuen Knoten, weil er über ein im Vergleich zu uns Menschen sehr viel kleineres Handlungsrepertoire verfügt. Wenn ein Roboter eine Bewegungsbahn mit dem Sinn und Zweck der dahinter stehenden Handlung verbindet, kann er Tätigkeiten auf der Aufgabenebene nachahmen, statt einen Bewegungsablauf nur sklavisch zu wiederholen.

Woran hakt es derzeit noch in der Forschung?

Roboter haben ein zu kleines Wissen von der Welt. Wir Menschen machen uns oft gar nicht klar, was wir alles wissen. Wenn wir uns zum Beispiel ein Glas Sprudelwasser einschenken, dann wissen wir, dass wir die klare Flüssigkeit trinken können, dass sie in einer Flasche ist, dass wir die Flasche aufschrauben können, dass das Wasser herausfließt, wenn wir die Flasche schräg halten und so weiter. Nichts davon ist für einen Roboter selbstverständlich. Vorgänge, die auf den ersten Blick einfach scheinen, erfordern bei näherer Betrachtung enorm viele Wissenselemente, die miteinander verknüpft werden müssen. Bisher sind Roboter wegen dieses Mangels an Weltwissen relativ hölzern programmiert. Ihre Umgebung muss sehr kooperativ sein, damit sie funktionieren. Wenn man etwas verändert, können sie damit nicht umgehen.

Ist Ihr Forschungsziel im Moment also, Robotern die Welt zu erklären?

Zum einen wollen wir die Kommunikation zwischen Mensch und Roboter verbessern. Zum anderen sollen Roboter verstehen, was sie tun, Tätigkeiten verallgemeinern und sie auf veränderte Umstände übertragen. Außerdem wollen wir die reduzierte Sensorik ausgleichen. Die Sensorik eines Roboters ist noch längst nicht mit der eines Menschen vergleichbar, er kann mit seiner Hand im besten Fall so viel fühlen wie ein Mensch, der dicke Wollhandschuhe trägt. Dieses Manko wollen wir durch eine verbesserte Steuerungsintelligenz ausgleichen.

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