In einem gigantischen Projekt wird die berühmte Bucht an der Küste Nordwestfrankreichs renaturiert
Mont Saint-Michel wird wieder zur Insel

Für die Benediktinermönche, die im Jahr 966 an der normannischen Küste Ausschau nach einem geeigneten Rückzugsort hielten, muss der Anblick des Mont Saint-Michel am Horizont wie eine Fata Morgana im Sonnenlicht gewirkt haben: Ein steiler Granitfelsen, der bei Flut rundum von Wasser und bei Ebbe von einer schier endlosen Sandwüste umgeben ist – der ideale Platz, um eine Abteikirche zu bauen und sich fernab der Welt allein Gott zu widmen.

HB PARIS. Heute, mehr als 1 000 Jahre später, wirkt der Zauberberg mit dem Kloster und dem schlanken Glockenturm nur noch von weitem wie eine Insel im blaugrauen Meer. Von der Nähe hingegen wird klar: Der Mont Saint-Michel verschlammt, versandet. Immer weiter dehnen sich die Salzwiesen aus, am Fuße des Felsens wachsen Gräser. Über die Jahrzehnte ist die Bucht immer mehr mit Sedimenten zugeschüttet worden. 700 000 Kubikmeter Sand lagert das Meer Jahr für Jahr mit den Fluten ab.

Der in die Bucht führende Fluss Couesnon kann mit den Kräften der Gezeiten nur einen Bruchteil davon wieder wegtreiben. Ein Damm aus dem 19. Jahrhundert behindert den Austausch – eine Dammstraße, die den Klosterberg mit dem Festland verbindet und die Ende der 60er Jahre um einen Parkplatz erweitert wurde, mit Platz für Tausende von PKW und Touristenbussen. Dadurch kann der Couesnon den Berg nur noch einseitig umspülen, statt, wie früher, rundherum. Bliebe das so, wäre der Mont Saint-Michel in etwa 40 Jahren von grünen Wiesen umgeben, für immer fern vom blauen Meer.

Das soll verhindert werden. Bis 2010 wollen der Staat und die regionale Verwaltung dem Mont Saint-Michel seinen Inselcharakter zurückgeben. „Ziel ist es, die Bucht von vor 100 Jahren wiederherzustellen – das natürliche Ineinandergreifen der Fluss- und Meeresströmungen, die bei Flut und Ebbe wie eine Spülung wirken und dem Klosterberg seinen landschaftlichen Reiz zurückzugeben“, sagt Projektleiter Francois Malhomme.

Die Vorarbeiten haben bereits begonnen. Als erstes wurde eine geschützte Krötenart umgesiedelt. Dort, wo die kleinen Schlammtaucher mit dem charakteristischen Punkt auf dem Rücken siedelten, werden bald die Bagger auffahren. Als erstes gilt es, einen Großteil des alten Straßendamms abzutragen. Die Parkplätze sollen vom Fuße des Bergs verschwinden und aufs Festland verlegt werden. Allein dadurch erhält die Natur 15 Hektar Wattenmeer zurück.

Gleichzeitig wird an der Einmündung des Couesnon eine neue Schleuse mit Rückhaltesystem gebaut. Bei steigender Flut hält ein Staukammersystem das Wasser zurück. „Der Füllstand wird hydraulisch maximiert und ein mit durchschnittlichem Hochwasser vergleichbarer Wasserdruck erzeugt“, erklärt Francois Malhomme. „Bei Ebbe werden die Tore geöffnet und die Sedimente durch die natürliche Kraft des Wassers weggeschwemmt.“ Der Boden des Wattenmeeres werde um 60 bis 70 Zentimeter sinken, die Landschaft auf diese Weise um mehrere Jahrzehnte verjüngt.

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