„Indische Zahlen“
Wo die Mathematik zu Hause ist

Arabisch sind unsere Zahlen nur dem Namen nach. Denn eigentlich verdanken wir die Grundlagen der Mathematik den alten Indern. Bereits im Jahr 876 benutzten sie die heute bei uns gebräuchlichen Ziffern des Dezimalsystems. Eine der größten Leistungen der damaligen Zeit: die Erfindung der Null.

DÜSSELDORF. Die Inschrift im Tempel von Gwalior rund 400 Kilometer südlich der indischen Hauptstadt Neu-Delhi wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Doch wer genau hinsieht, erkennt inmitten der fremdartigen Sanskrit-Zeichen die Zahlen 270 und 50. Die Steintafel, welche die Maße für die Länge eines Gartens in der Klosteranlage angibt, gilt als der älteste schriftliche Beweis für die Verwendung der Null. Außerdem zeigt sie, dass die Inder bereits im Jahr 876 die heute bei uns gebräuchlichen Ziffern des Dezimalsystems benutzten. Wenn wir heute von arabischen Zahlen sprechen, weil sie aus dem Morgenland überliefert wurden, müssten wir korrekt eigentlich "indische Zahlen" sagen, denn die Araber waren nur die Zwischenhändler.

Unter dem Sanskrit-Wort "sunya" (für "leer") wurde die Null geboren. Die philosophische Grundlage dafür war der gleich lautende buddhistische Begriff für Leere. Vor allem die aus heutiger Sicht banal erscheinende Erfindung der Null und der negativen Zahlen war eine wichtige Voraussetzung für mathematische Abstraktion.

Die Beschäftigung mit Zahlen und Berechnungen hat in Indien eine jahrtausendealte Tradition, die bis heute nachwirkt. Dass jemand mit seinen schlechten Schulnoten in "Mathe" kokettiert, ist in Indien undenkbar. "Guten Mathematikern wird in Indien großer Respekt entgegengebracht", sagte Manoj Chari, Absolvent des Tata Institute of Fundamental Research in Mumbai (früher Bombay), eines der indischen Elite-Institute für mathematische Forschung. Sicher ein Indiz für die Bedeutung, die der abstrakten Wissenschaft in Indien noch heute beigemessen wird.

Die mathematischen Leistungen der Inder wurden in der westlichen Welt lange verkannt. Schon vor rund 4 500 Jahren berechneten die Menschen im Indus-Tal, der Wiege der indischen Zivilisation, nach dem Dezimalsystem Maße und Gewichte. Mit einem Zehnersystem zu rechnen ist erheblich leichter als beispielsweise mit dem von den Babyloniern verwendeten 60er-System. Im dritten vorchristlichen Jahrtausend entstanden in Indien die so genannten Brahmi-Zahlen, aus denen sich unsere Ziffern von 1 bis 9 entwickelten. Den Grundstein für die mathematische Lehre legten die so genannten Vedas, in poetischer Sprache verfasste religiöse Schriften, deren Entstehung die Historiker auf zwischen 1900 und 800 vor Christus datieren. Die im Westen weithin unbekannten Tricks der vedischen Mathematik sind noch heute nützlich zur Lösung von Rechenaufgaben.

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