Informatikerstadt Dagstuhl
Bytes statt Gebete

Von wegen Harvard, Cambridge oder Berkeley: Dagstuhl, ein Schlösschen im Saarland, ist das Mekka für die weltbesten Informatiker. Der Ableger der Uni Saarbrücken sorgt mit originellen und aktuellen Seminaren rund um den Globus für Aufsehen. Ein Erfolg, den selbst die Amerikaner kopieren möchten.
  • 0

DÜSSELDORF. Das Örtchen Dagstuhl hat 346 Einwohner und vier Verbindungen zum Rest der Welt: zwei Landstraßen, den Regionalbus nach Sankt Wendel und die Besuche der Informatikerelite aus aller Welt. „Das hier“, sagt die Informatikprofessorin Tamara Munzner beim Blick auf den sorgsam gepflegten Barockgarten von Schloss Dagstuhl, „ist unser Wallfahrtsort.“ Munzner ist mehr als 8000 Kilometer aus Vancouver angereist, von der University of British Columbia.

Craig Douglas aus Yale war 15 Stunden lang unterwegs. „Für die weltweite Computerwissenschaft“, schwärmt der US-Wissenschaftler, „ist Dagstuhl ein wirklich einmaliger Ort.“ Er liegt am Norden des Saarlands, gehört zum Städtchen Wadern, und bis zum nächsten Bahnhof in Sankt Wendel sind es 30 Kilometer. Wie bloß wird so ein Dorf zum Mekka der Informatik?

Der Mann hinter der Erfolgsgeschichte heißt Reinhard Wilhelm. Der Professor für Programmiersprachen an der Universität Saarbrücken war 1990 Gründungsdirektor des Internationalen Begegnungs- und Forschungszentrums für Informatik, kurz IBFI. „Die Landesregierung suchte Ideen, wie die Region das Image von Kohle und Stahl abstreifen könnte“, erzählt Wilhelm. Sein Elan und das von der Gesellschaft für Informatik entwickelte Konzept, in Deutschland den weltweit ersten Thinktank für Computerwissenschaften zu installieren, kamen da gerade recht. Gemeinsam mit dem Nachbarland Rheinland-Pfalz, das ein Drittel des Etats übernahm, setzten die Saarländer Dagstuhl als IBFI-Sitz durch.

Dass die Treffen im Saarland unter den weltweit tätigen Informatikern seither immer größere Beachtung finden, liegt an der Vielfalt, Originalität und Relevanz der Seminare. Umso mehr, als nicht etwa das IBFI die Themen setzt, sondern Forscher aus aller Welt sowohl Programmvorschläge als auch Vorschläge für die Teilnehmerlisten erarbeiten. Beides prüft in Dagstuhl ein hochkarätiges Wissenschaftlergremium. Überzeugen Fragestellung und Kompetenz der Gäste, organisieren die Saarländer das Seminar im Auftrag der Initiatoren.

Mehr als 3000 Gäste, Wissenschaftler, aber auch Experten aus den Forschungsabteilungen von IT-Konzernen wie AMD und Intel über Microsoft bis SAP, pilgern jährlich aus aller Welt zu den Dagstuhl-Seminaren und -Workshops in den Südwestzipfel der Bundesrepublik.

Seite 1:

Bytes statt Gebete

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Informatikerstadt Dagstuhl: Bytes statt Gebete"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%