Interview
„Adaptive Manufacturing ist die Zukunft der Fertigungsindustrie“

Nils Herzberg von SAP spricht im Interview über neue Software für die Produktion.

Sie haben bei ihren jüngsten Messeauftritten auch einen Roboter gezeigt, der Lego-Männchen zusammenbaut. Wollen sie nun die Kinderzimmer erobern?

Nein, es geht natürlich um industrielle Anwendungen. Die Roboter waren mit unserer Software verbunden, und in diese wurden Aufträge mit der gewünschten Farbe für das nächste Lego-Männchen eingegeben – im Prinzip eine konfigurierbare Online- Bestellung. Und direkt nach Abschicken des Auftrags startete der Roboter mit der gewünschten Produktion.

Und der Zweck der Demonstration?

Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, Kundenaufträge in Echtzeit direkt an die Fertigung weiterzuleiten.

Sie nennen das Adaptive Manufacturing...

Im Prinzip geht es darum, die Fertigung schnell an die Nachfrage anpassen zu können. Hintergrund ist auch der enorme Druck, den aufstrebende Länder wie China ausüben. Allerdings haben die Anbieter in Hochlohnländern einen Vorteil. Die chinesischen Hersteller sind nicht so nah am Kunden und sie können nicht so flexibel produzieren. Sie werden das Massensegment übernehmen. Aber in punkto Vielfalt können sie nicht mit den Anbietern in Hochlohnländern mithalten. Und diesen Vorteil auszuspielen, dabei hilft Adaptive Manufacturing. Aus unserer Sicht ist „Adaptive Manufacturing“ die Zukunft der Fertigungsindustrie.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ein gutes Beispiel ist die Autoindustrie. In Europa dominiert das Pull-Prinzip. Das heißt, dass eine Bestellung alle weiteren Prozesse nach sich zieht, wie es beim Adaptive Manufacturing gefordert wird. In Amerika ist das anders. Dort arbeiten Hersteller nach dem Push-Prinzip und versuchen, die hergestellten Autos zu vermarkten – und zwar unabhängig von der Bestellung.

Es wird also weniger Rücksicht auf die Kundenwünsche genommen?

In den USA wird zum Beispiel ein Ford vom Hof des Händlers verkauft. Wenn der Kunde einen weißen Wagen haben will, es aber bei ihrem Händler nur rote und schwarze gibt, dann muss er woanders hinfahren. Oder der Händler gibt ihm so viel Rabatt, dass er einen roten Ford kauft. Das Ergebnis ist, dass am Ende niemand genau weiß, was ein Kunde wirklich wollte. Wenn aber genau das gebaut würde, was der Kunde will, wären die horrenden Rabatte nicht notwendig.

Was muss in den Unternehmen passieren?

Schlüsselvoraussetzung für Adaptive Manufacturing ist das in Echtzeit arbeitende Unternehmen. Informationen müssen nicht einmal pro Woche, sondern in Echtzeit – dies bedeutet stündlich – weitergegeben werden.

Und was bedeutet Adaptive Manufacturing für die Zusammenarbeit mit den Lieferanten?

Die Situation lässt sich mit der Entwicklung bei Navigationssystemen vergleichen. Die bieten heute Staumelder, die von Sensoren mit Informationen versorgt werden, die an jeder Autobahnbrücke befestigt sind – und immer die aktuelle Lage in Echtzeit übermitteln. Genauso muss die Fertigung arbeiten. Es muss beim Hersteller Sensoren geben, die feststellen, dass etwas schief läuft – beispielsweise, wenn fehlerhaftes Material bei der Produktion verwendet wird. Damit die Lieferanten dann schnell reagieren können.

Welche Rolle spielt dabei ein Forum wie die Hannover Messe?

Sie ist eine Schlüsselmesse. Denn zwischen den Maschinen in der Werkhalle und der Steuerungs-Software für die Unternehmensplanung müssen Daten in beide Richtungen fließen. Es geht also auch darum, Schnittstellen zwischen der Welt von Automations- und Software-Anbietern einzurichten – zu günstigen Preisen.

Die Fragen stellte Thomas Mersch.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%