Interview mit den Nobelpreisträgern
„Freiheit ist in der Forschung das höchste Gut“

Gleich zwei deutsche Wissenschaftler erhielten in diesem Jahr mit dem Nobelpreis die höchste Auszeichnung: Gerhard Ertl (Chemie) und Peter Grünberg (Physik). Im Interview mit dem Handelsblatt sprechen sie über den Forschungsstandort Deutschland und wie die Freiheit den beiden Preisträgern zum Erfolg verholfen hat.

Handelsblatt: Herr Ertl, Herr Grünberg, dass zwei deutsche Naturwissenschaftler mit dem Nobelpreis die höchste Auszeichnung im selben Jahr erhalten haben, hat in Deutschland eine lebhafte Debatte über den Forschungsstandort ausgelöst. Sorgen Sie sich, dass sie genau so schnell endet, wie sie aufgekommen ist?

Gerhard Ertl: Ich hoffe nicht. Es wäre schon viel gewonnen, wenn das Bewusstsein bleibt, dass Forschung im Interesse der gesamten Nation ist. Das ist in Deutschland nicht selbstverständlich. Wenn Sie Fontane nicht kennen, ist das eine Katastrophe. Aber wenn Sie nicht wissen, was das Ohm’sche Gesetz ist, stört das keinen. Im Gegenteil: Die Mehrheit kokettiert auch noch damit, dass sie in der Schule nie besonders gut und nicht besonders interessiert an Mathematik und Naturwissenschaften war.

Sie meinen also, das Land der Dichter und Denker hat eine falsche Bildungsvorstellung?

Ertl: Zumindest eine einseitige. Das ist ein Relikt des Bildungssystems des 19. Jahrhunderts, als Literatur der Inbegriff von Bildung war.

Wie können wir in Deutschland denn mehr Menschen für Naturwissenschaften begeistern?

Peter Grünberg: In meinem Fall funktionierte das Bildungssystem sehr gut, wenn man so will. Ich hatte einen Lehrer, der meine Neugier für Physik geweckt hat, Herr Röderer. Figuren wie er sind essenziell, weil sie zu einem Zeitpunkt Neugier wecken können, in dem sie am größten ist: im Kindesalter.

Welche Rolle hat es für Ihre wissenschaftlichen Erfolge gespielt, dass Sie zuletzt an außeruniversitären Einrichtungen gearbeitet haben?

Ertl: Eine sehr große. Teile meiner Forschung, die nun von der Nobel-Akademie gewürdigt wurden, habe ich zwar in meiner Zeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München erarbeitet. Aber seit ich an die Max-Planck-Gesellschaft gewechselt bin, spüre ich die Vorteile deutlich: Ich habe wesentlich mehr Zeit für meine Forschung. Die Lehrtätigkeit und der hohe Verwaltungsaufwand an den Universitäten halten enorm von der eigentlichen Arbeit ab.

Grünberg: Am Forschungszentrum in Jülich genieße ich große Freiheiten, ohne die ich niemals auf die Forschungsergebnisse hätte kommen können, die nun geehrt wurden.

Ertl: Ja, Freiheit ist das höchste Gut, das wir in der Forschung haben.

Grünberg: Nur so können wir gute Ergebnisse erzielen. Und mit gut meine ich, dass sie den Ansprüchen international hochrangiger Zeitschriften genügen müssen und dass sie für das jeweilige Forschungsgebiet relevant sind.

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