Intimizid
Gefährliche Liebschaften

Mord am Ehe- oder Liebespartner, auch „Intimizid“ genannt, ist ein schwer nachvollziehbares Verbrechen. Die meisten Täter sind Männer – sie töten vor allem dann, wenn eine langjährige, feste Beziehung zu zerbrechen droht.
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HB DÜSSELDORF. Was treibt jemanden dazu, einen einst geliebten Menschen zu töten? In welchen Partnerschaften kommt das am häufigsten vor? Diese Fragen beantwortet Andreas Marneros von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in der aktuellen Ausgabe des Psychologiemagazins „Gehirn&Geist“ (Heft 11/2009). Der Psychiater untersuchte 80 Fälle von Intimizid und verglich deren Besonderheiten mit 366 anderen Mord- und Totschlagsdelikten.

Resultat: In rund 80 Prozent der Fälle sind die Täter männlich, die Opfer weiblich. Jeder fünfte Intimizid geschah eher zufällig oder aus nichtigem Anlass. Den Tätern gelang es in diesen Fällen nicht, ihre Impulse zu kontrollieren – bedingt etwa durch Alkoholmissbrauch oder Drogensucht. Rund 7 von 10 Tätern litten an psychischen Erkrankungen, am häufigsten Substanzabhängigkeit und Persönlichkeitsstörungen.

Besonders bemerkenswert: Mehr als zwei Drittel der Partnermorde fanden in langjährigen Partnerschaften statt. Schon 2001 hatte der Psychologe Todd K. Shackelford von der Florida Atlantic University in Davie konstatiert, dass Frauen in nicht-ehelichen, aber festen Beziehung ein neunmal höheres Risiko tragen, von ihrem Partner ermordet zu werden, als Verheiratete. Das hatte eine Auswertung von mehr als 400 000 Tötungsdelikten in den USA ergeben. Der beste Nährboden für Partnermorde scheint also weder die "Vernunftehe" noch die flüchtige Affäre zu sein.

Häufiger als Eifersucht oder Rachegelüste wegen tatsächlicher oder vermuteter Untreue treibt eine drohende Trennung der Frau von ihrem Partner diesen zum Intimizid. Wenn Frauen morden, dann meist aus anderen Motiven: Entweder wurde die Täterin von ihrem Opfer bedroht und setzt sich gegen akute Gewalt zur Wehr. Oder sie steckt in einer leidvollen Beziehung, die von seelischer oder körperlicher Mißhandlung geprägt ist – und aus der die Betreffende keinen anderen Ausweg weiß.

Intimizide sind zwar eher selten, exakte Daten darüber fehlen aber noch. Die deutsche Kriminalstatistik gibt allein darüber Auskunft, ob Täter und Opfer miteinander bekannt oder verwandt waren, nicht jedoch über die Art ihrer Beziehung. Genauere Zahlen ermittelte das amerikanische FBI. Demnach wurden im Jahr 2000 440 Männer und 1247 Frauen von ihrem Partner oder ihrer Partnerin ermordet.

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