Japanische Firmen müssen Elektronikschrott wiederverwerten
Matsuhita erzielt mit neuer Anlage hohe Recyclingquoten

Der japanische Elektronikriese Matsushita schließt den Kreislauf und recycelt Materialien aus Kühlschränken, Fernsehern und Waschmaschinen. Bereits bei der Entwicklung neuer Produkte wird überlegt wie die Wertstoffe weiter genutzt werden können.

YASHIRO. An kaum einem anderen Platz in Japan hätte sich der Elektronikriese Matsushita besser Feinde machen können: Ausgerechnet im idyllischen Örtchen Yashiro, einer Reisanbauregion mit alten Kulturdenkmälern, sollte eine Altgeräte-Recyclinganlage mit einer Jahreskapazität von 1 Mill. Einheiten entstehen. Doch die massiven Vorbehalte der Bauern und Touristikmanager konnten ausgeräumt werden, berichtet Nobutaka Tsutsumi, Präsident der Matsushita Eco Technology Center. Co. Ltd. Heute gilt das Metec-Center als ökologische Vorzeigeanlage unter den 40 Entsorgungszentren für Fernseher, Klimaanlagen, Kühlschränke und Waschmaschinen in Japan.

Obwohl im Inneren gewaltige Maschinen im Minutentakt die Altgeräte zermalmen, ist draußen außer Vogelgezwitscher kaum etwas zu hören. In der zweigeschossigen Anlage arbeiten die Mühlen in Dämmkammern mit 30 Zentimeter dicken Wänden, die auf vibrationsdämpfenden Stahlfedern ruhen. Zu sehen ist auch nichts: „Das ist eine der Vereinbarungen mit der Gemeinde“, betont Tsutsumi. Keine Berge von rostigen Kühlschränken oder leckenden Klimaanlagen auf dreckigen Betonhöfen im Regen. Nur einmal im Monat tauscht die Metec ihr Brauchwasser aus. Solange wird es immer wieder aufbereitet. Die örtliche Verwaltung darf jederzeit die Messdaten einsehen. Tsutsumi: „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht.“

Wiederverwertung im Blick

Sauber aufgereiht in Gitterboxen warten die Geräte auf ihre Zerlegung. Diese findet auf getrennten Linien für jede Geräteart statt. So soll die bestmögliche Recyclingquote erzielt werden. Das im April 2001 in Kraft getretene Altgerätegesetz in Japan schreibt Mindestverwertungsquoten zwischen 50 % (Kühlschränke) bis 60 % (Klimaanlagen) des Gerätegewichts vor. Durch die Linientrennung liegen die Metec-Ergebnisse im Schnitt um 20 % höher, sagt Tsutsumi.

„Treasure Hunting“ steht auf einem Schild in der Zerlegungshalle. „Unsere Mitarbeiter sollen wissen, dass sie auf Schatzsuche sind und keinen wertlosen Müll zerlegen“, erklärt Tsutsumi. Aus einer Klimaanlage werden schließlich im Schnitt 124 kg Eisen, 7,7 kg Kupfer, 5 kg Plastik und Aluminium für 190 Getränkedosen gewonnen.

Matsushita – hier zu Lande bekannt als Panasonic – will aber auch den gesamtheitlichen Ansatz des Recyclings herausstreichen, der mehr ist als nur Materialtrennung und -rückgewinnung. In einem Labor wird erforscht, wie die Rohstoffe direkt in Matsushita-Firmen weiter verarbeitet werden können. In neuen Klimaanlagen, TV-Geräten oder auf ganz neuen Anwendungsgebieten, wie Industrie- und Terrassenböden aus Restholz und Plastik.

Gleichzeitig haben die Entwickler die Zukunft im Blick. Panasonic- Ingenieure müssen mit einem Prototyp neuer Geräte vorbeikommen. Die Einzelanfertigungen werden auf ihre Umweltfreundlichkeit geprüft und durch die Schredder gejagt. „Da stehen schon manchem Ingenieur Tränen in den Augen“, schmunzelt Tsutsumi. Aber es muss sein. Die Metec gibt Ratschläge, etwa ob ein Werkstoff ausgetauscht oder Baugruppen verändert werden sollten.

Der Fortschritt ist messbar: 1983 hatte ein typisches TV-Gerät 13 verschiedene Plastiksorten und 39 Komponenten, beim Jahrgang 2003 sind es drei Plastiksorten und 13 Baugruppen. Ein altes Gerät ist in 2,5 Minuten fachgerecht zerlegt, ein neues in weniger als einer Minute.

Die Altgeräte sind mit einem Barcode versehen, aus denen alle wichtigen Daten – von Produktname bis einliefernder Händler – ersichtlich sind. Die Verbraucher zahlen eine Abgabe für das Einsammeln der Altgeräte durch die Händler. Im ersten Jahr wurden in Yashiro 514.000 Einheiten wiederaufbereitet, im zweiten Jahr waren es schon 640.000.

Geklebt statt geschraubt

Die Recyclingdaten, zum Beispiel über die Dauer der Zerlegung, werden in einer Datenbank gesammelt. Eine Software hilft den Ingenieuren bei der Planung. Sie können aus den Statistiken erkennen, um wie viel sich die Zerlegungszeit verändert, etwa wenn eine Verbindung geklebt, statt geschraubt wird.

Ob sie ihre Expertise auch nach Europa exportieren wollen? Das kann Tsutsumi jetzt nicht beantworten, das ist Konzernstrategie. Auf jeden Fall aber hält er das Recycling weltweit für einen Wachstumsmarkt. Fujitsu Siemens unterhält im hiesigen Paderborn bereits eine Recycling-Anlage. Ende 2002 hatten Braun, Electrolux, Hewlett Packard und Sony außerdem angekündigt, gemeinsam die Rücknahme und Verwertung der Altgeräte europaweit organisieren zu wollen, wenn es 2005 auch hier dank einer EU-Richtlinie gezwungenermaßen heißt: „Auf zur Schatzsuche.“

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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