Japanisches Phänomen
Lost in irritation

Fehlende Motivation, niedrige Bildung oder Überforderung am Arbeitsplatz- die Gründe, warum jemand den Sprung ins Beruflseben verpasst, sind vielfältig. Für Japan entwickelt sich das neue gesellschaftliche Phänomen der sogenannten "Neets" immer mehr zu einem ernsten Problem und beschäftigt mittlerweile Forscher und Politiker.

TOKIO. Mit seinem gefärbten Igelschnitt wirkt Wataru Abe wie so viele der jungen Japaner in den Straßen Tokios. Erst der unsichere Blick aus den großen braunen Augen und das scheue Lächeln lassen seine Unsicherheit erahnen. Wataru ist ein "Neet" - und damit einer von den Jugendlichen, über die sich Japans Politiker und Wissenschaftler die Köpfe heiß reden.

Nach dem Abschluss der Oberschule verpasste Wataru den Start ins Berufsleben. Warum genau, das weiß er heute auch nicht. "Ich habe mich vielleicht nicht schnell genug entschieden, was ich machen will", meint er. Lehrer und Eltern drängten nicht besonders. Und dann war die Bewerbungsfrist abgelaufen, denn japanische Firmen stellen nur einmal im Jahr zum April ein.

Es war der Beginn eines Teufelskreises. Zwei Jahre lang machte der heute 21-Jährige nichts. Er wohnte bei seinen Eltern, traf sich mit Freunden, vermied das Thema Arbeit. Der stärker werdende Druck der Eltern half nicht, auch zu einem der relativ leicht zu ergatternden Aushilfsjobs konnte sich Wataru nicht aufraffen. "Die ganze Zeit habe ich irgendwie gedacht, ich muss mich beeilen", meint er und senkt den Blick. "Aber ich habe den ersten Schritt einfach nicht getan. Ich hatte Angst vor dem Druck." Der wurde mit jedem Tag, den er wartete, stärker.

"Neets" sind Jugendliche, die weder arbeiten noch in Aus- oder Weiterbildung sind: "Not in Employment, Education or Training". Die Zahl der "Neets" im Alter von 15 bis 34 Jahren wird in Japan je nach Abgrenzung auf 520 000 bis 850 000 geschätzt - und ist in den vergangenen zehn Jahren drastisch gestiegen. Lange habe es für das Phänomen weder einen Begriff noch ein Bewusstsein gegeben, meint Reiko Kosugi vom Institut für Arbeitspolitik und Fortbildung. In den Arbeitsmarktstatistiken tauchte die Gruppe gar nicht auf. Und so breitete sich der ursprünglich in Großbritannien geprägte Begriff, als Kosugi ihn 2003 als "Niito" ins Japanische übertrug, rasch aus.

Jetzt, da Japans Bevölkerung schrumpft und sich die Firmen wegen eines Mangels an Fachkräften Sorgen machen, ist das Thema hoch auf die politische und akademische Agenda gerückt. Ministerpräsident Junichiro Koizumi spricht von einer Herausforderung. Eine steigende Zahl von Wissenschaftlern beschäftigt sich mit dem Thema und bringt es mit ihren Veröffentlichungen zum Teil auf die Bestsellerlisten.

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