Jürgen Habermas wird 80
Jubiläum für den „Staatsphilosophen“

Jürgen Habermas gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen der Gegenwart. Er verkörpert die Figur des kritischen Intellektuellen, der engagiert in gesellschaftliche und politische Debatten eingreift. Am heutigen Donnerstag wird der „Staatsphilosoph“ 80 Jahre alt.
  • 0

FRANKFURT/MAIN. Vor aktuellen Fragen hat sich Jürgen Habermas nie gedrückt. Einer der bekanntesten lebenden Denker Deutschlands bezieht Stellung - etwa wenn er in der Finanzkrise den jahrelang untätigen Politikern die Schuld gibt: „Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen.“ Das theoretische Hauptwerk des Philosophen und Soziologen galt seit den 1970er Jahren der Frage, über welche Form des „Diskurses“ eine Gesellschaft demokratisch organisiert werden kann. Er hat damit das geistige Klima der Bundesrepublik bis heute nachhaltig geprägt. Am heutigen Donnerstag (18. Juni) wird der Philosoph und Soziologe 80 Jahre alt.

Immer wieder habe Habermas über die Grenzen der Universitäten hinaus Werte der Demokratie wie Vernunft, Gerechtigkeit und Solidarität angemahnt, würdigte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) am Mittwoch die Bedeutung des großen Geisteswissenschaftlers.

Als Analytiker und Normgeber der Bundesrepublik hat Habermas auch stets Europa einbezogen. Wäre es nach Habermas gegangen, hätten zum Beispiel die EU-Staaten die Europawahl mit einem Referendum über die Zukunft der Union verbunden. Es gebe, so sein Befund aus dem Jahr 2007, in den meisten kontinentalen Ländern „nach wie vor schlafende Mehrheiten für eine Vertiefung der Europäischen Union“.

Habermas ist bis heute im öffentlichen Diskurs präsent. In Aufsätzen und Interviews geißelte er die Irak-Politik des früheren US-Präsidenten George W. Bush. Dabei wetterte er gegen dessen „selbstzerstörerische Politik“, legte aber stets Wert darauf, dass seine Kritik „nicht den geringsten Beiklang antiamerikanischer Gefühle“ habe.

Als Philosoph steht Habermas in der Nachfolge der „Frankfurter Schule“von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. An deren Institut für Sozialforschung arbeitete der gebürtige Düsseldorfer von 1956 bis 1959 zunächst als Assistent. Damals sei er „intellektuell in ein neues Universum eingetreten“, berichtete er später. Bevor er 1964 Horkheimers Lehrstuhl erben sollte, erwarb er die Lehrbefugnis in Marburg und war Professor in Heidelberg. Die „Kritische Theorie“ seiner Frankfurter Lehrer führte er fort und veränderte sie dennoch: Er holte sie heraus aus dem wissenschaftlichen Elfenbeintum und trug sie mitten hinein in die Gesellschaft.

Habermas liefere „eine komplexe Diagnose der Unvermeidlichkeiten, Chancen und Risiken unseres weltgeschichtlichen Ortes“, formulierte es Jan Philipp Reemtsma bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Philosophen 2001 in der Frankfurter Paulskirche.

Seite 1:

Jubiläum für den „Staatsphilosophen“

Seite 2:

Kommentare zu " Jürgen Habermas wird 80: Jubiläum für den „Staatsphilosophen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%