Jugendsprache
Voll geil, diese Linguisten!

Die Sprachwissenschaftler Norbert Dittmar und Nils Bahlo haben sich mit dem Sprachverhalten von Jugendlichen beschäftigt - und sind dafür vom Bundesforschungsministerium ausgezeichnet worden. Ihr Projekt ist ein weiterer Beleg für die Tendenz in der Linguistik, sprachlichen Wandel nur noch zu beschreiben und nicht mehr zu werten.

DÜSSELDORF. Der sicherste Weg für Journalisten oder PR-Autoren, sich lächerlich zu machen, ist der Versuch, die „Jugend“ in deren eigener Sprache zu erreichen. So kommen Sätze wie dieser aus der „Tiroler Tageszeitung“ zustande: „Votet das coolste Oktoberevent und gewinnt mit der TT eines von 3 Raiffeisen Clubsparbüchern im Wert von 100 Euro.“

Solche unbeholfenen Simulationen zu unterscheiden von authentischer Jugendsprache ist eine der Aufgaben, die sich die Sprachforscher Norbert Dittmar und Nils Bahlo von der Freien Universität Berlin gestellt haben. Ihr Forschungsprojekt „Jugendsprache“ ist jetzt im Wettbewerb „Hochschultauglich?“ des Bundesforschungsministeriums zu einem der 15 Sieger gekürt worden – als einziges rein geisteswissenschaftliches – und wird mit 10 000 Euro gefördert. Das Bundesforschungsministerium hat den Wettbewerb im Wissenschaftsjahr 2009 ausgerufen, um Schülern den Kontakt zu wissenschaftlichen Themen zu erleichtern.

Im Rahmen des Projekts sollen Jugendliche mit ihren eigenen Sprechweisen konfrontiert und zum Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft angeregt werden. Auf einer Internetseite mit Blog und Forum sollen sich Jugendliche mit der Funktion von Jugendsprache auseinandersetzen.

Während der gewöhnliche Freund des korrekten Deutsch und der schönen Literatur von Jugendbegriffen wie „Arscherweiterung“ eher angewidert ist und schon beim unfreiwilligen Belauschen von Jugendlichen in der U-Bahn leicht dem Kulturpessimismus verfällt, sind die Berliner Linguisten ihrem Forschungsobjekt sehr wohlgesinnt. „Kreativität, Spontanität, Direktheit und Flexibilität sind gruppen- und situationsübergreifende Kennzeichen der jugendlichen Kommunikation“, schreiben Dittmar und Bahlo auf ihrer Homepage www.jugendsprache-berlin.de.

Das Problematisieren der Sprechgewohnheiten der Pubertierenden ist also nicht vorgesehen. Jugendsprache wird – in mustergültig „unlockerer“ Geisteswissenschaftlersprache – sogar zur biologischen Notwendigkeit erklärt: „Jugendsprache (oder der Juventulekt ) ist eine generationsspezifische Übergangsvarietät, die den biologisch bedingten Aufbruch der Jugendlichen zum Erwachsenenstatus in der Suche nach individueller und sozialer Identität in der Altersspanne zwischen 10 und 30 sprachlich und kommunikativ zum Ausdruck bringt.“ Das Ziel jugendsprachlicher Entwicklung sei die kompetente Beherrschung der Erwachsenensprache, behaupten sie, die jedoch durch „identitätsstiftendes Experimentieren“ (zum Beispiel neue Adjektive wie „hammermäßig“) verändert werde.

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