Karbon-Fluggerät
Höhenflug mit neuer Leichtigkeit

Der Stuttgarter Luftfahrt-Ingenieur Felix Rühle macht mit einem Fluggerät aus Karbon mächtig Wind in der Drachenflieger-Szene. Der Atos genannte Hängegleiter fliegt dank seiner besonderen Konstruktion und ultraleichter Werkstoffe deutlich schneller und weiter als alle bisherigen Fluggeräte dieser Art.
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RUTESHEIM. Felix Rühle ist startbereit. Helm und Gurtzeug sitzen, doch das Wetter spielt nicht mit. Verdrießlich beugt er sich zu Boden und rupft ein paar Grashalme aus. Er lässt sie wieder fallen, um den Wind zu prüfen. Falsche Richtung, immer noch. Eine Viertelstunde vergeht, dann hellt sich Rühles Miene schlagartig auf. Er reckt den Daumen in die Höhe: Der Wind hat gedreht.

Felix Rühle wirft den Propeller an, der am Fuß des Gurtzeugs befestigt ist. Es erinnert an einen Schlafsack – die Beine schauen noch heraus. Mit einem Ruck hebt der 44-Jährige das Gerät an und sprintet los. Schon nach wenigen Schritten hebt er sanft ab. Rühle dreht einen eleganten Bogen über das Feld und steigt in steilem Winkel gen Himmel. Nach ein paar Minuten schaltet Rühle den Motor ab, der Drache gleitet jetzt lautlos dahin. Eine Stunde lang bleibt Rühle in der Luft und lässt sich treiben.

Drachenfliegen kommt dem Flug eines Vogels am nächsten, da sind sich die Flugsportler einig. Felix Rühle hat diesen Menschheitstraum noch greifbarer gebracht. Denn sein Atos genannter Hängegleiter fliegt dank einer besonderen Konstruktion und ultraleichter Werkstoffe deutlich schneller und weiter als alle bisherigen Fluggeräte dieser Art. Und damit hat Rühle die weltweite Drachenfliegerszene mächtig durchgewirbelt.

Grundstein für eigene Firma

Die Geschichte beginnt 1995 an der Universität Stuttgart. Dort studierte Felix Rühle Luft- und Raumfahrttechnik, nebenher arbeitete er als studentischer Mitarbeiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Schon seit Ende der 80er-Jahre fliegt der gebürtige Stuttgarter in seiner Freizeit mit dem Hängegleiter. Natürlich dachte der Luftfahrtexperte Rühle darüber nach, wie sich die Fluggeräte weiter verbessern lassen – er machte diese Frage gleich zum Thema seiner Diplomarbeit. Ohne es zu ahnen, legte er damit den Grundstein für seine eigene Firma – und für eine ganz neue Klasse von Fluggeräten.

Übliche Hängegleiter bestehen aus Aluminiumrohren mit dreieckigem Flügelgrundriss. Der Pilot steuert, indem er sein Gewicht zur Seite verlagert. Dabei verschiebt sich das Längsrohr gegen das Querrohr – das unterstützt die Lenkung. Man nennt diese Geräte deshalb flexible Drachen. Felix Rühle schlug einen neuen Weg ein.

„Ich habe mich stärker am klassischen Flugzeugbau orientiert“, sagt er. Sein Atos-Hängegleiter sollte starre Flügel bekommen. Damit kann die Spannweite wachsen und eine verbesserte Flügelform entstehen – der Flieger bleibt so länger in der Luft. Statt auf Aluminium setzte Rühle zudem auf Karbon. Das Fluggerät ist mit diesem Stoff ähnlich robust, wiegt aber deutlich weniger. Ein solcher Starrflügler ist trotz seiner Größe so leicht, dass ein Pilot ihn Hunderte Meter durch die Gegend tragen kann.

Das Konzept begeistert den Chef

Das alles hatte Rühle perfekt durchgerechnet. Doch als er 1996 sein Diplomzeugnis in den Händen hielt, existierte der Starrflügler noch immer bloß auf dem Papier. Die Chance, das zu ändern, bot der neue Job beim DLR in Stuttgart. Hier fand Rühle Mitstreiter: detailvernarrte Tüftler und passionierte Flieger wie er selbst. Es brauchte nicht viele Worte, um den Chef für den Starrflügler zu begeistern. „Ein in jeder Hinsicht sauber und schön konstruiertes Fluggerät“ sei der Atos, schwärmt Hermann Hald, Leiter der Abteilung Raumfahrt Systemintegration.

Am DLR vertiefte Rühle sein Wissen über die Verarbeitung von Karbon. Mit dem neu gewonnenen Know-how hätte er endlich seinen ersten Prototypen fertigen können. Doch dazu fehlte schlicht das Geld – Rühle hatte kein Budget. „Ich stand mit nichts da“, erinnert er sich. „Ich hatte nur meine Berechnungen.“ Den Arbeitseifer bremste das nicht. Zeitweilig habe er seine gesamte Freizeit in den Flugzeugbau gesteckt, sagt Rühle. Hermann Hald nennt ihn einen „Idealisten, der seine Ideen um ihrer selbst willen verfolgt, nicht aus kommerziellem Interesse“.

Rühle knüpfte neue Kontakte – und hatte schließlich Erfolg. Es gelang ihm, Profidrachenflieger von seinem Konzept zu überzeugen. Die streckten Geld vor, für das Rühle ihnen „einen richtig guten Flieger“ versprach. Er enttäuschte seine Kunden nicht.

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