Kartographie
Die falsche Fährte des Kolumbus

Wer auf Entdeckungsfahrt auszieht, hat naturgemäß keine genaue Landkarte dabei. Aber selbst eine falsche kann ihm helfen. Christoph Kolumbus ist so ein Fall. Auch nach 500 Jahren hilft Kartographie beim Entdecken der Welt. Digitale Navigationssysteme sind keine Konkurrenz.

BONN. Am Samstag vor 500 Jahren, am 20. Mai 1506, starb der (Wieder-)Entdecker Amerikas. Seinen Erfolg verdankt er einem fundamentalen Irrtum der Kartographen seiner Zeit. Dass damalige Forscher nichts von der Kugelform der Erde wussten, ist ein Mythos. Sie hatten lediglich die Breite der europäisch-asiatischen Landmasse viel zu groß angesetzt; entsprechend schmal fiel der verbleibende Ozean aus. "Der Abstand zwischen Portugal und China ist in zehn Tagen zurückzulegen", mutmaßte der Florentiner Geograph Paolo dal Pozzo Toscanelli. Dass Kolumbus das glaubte und mutig lossegelte, war seine Leistung. Dass er nach 34 Tagen das Land genau dort vorfand, wo er es vermutete (wenn auch das falsche), war sein Glück.

Kartographie ist ein Boom-Thema, abzulesen an erfolgreichen Büchern: Ute Schneiders "Macht der Karten" oder die "Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann. Er bringt das Problem in sieben Zeilen auf den Punkt: Die Karten seien nicht exakt, lässt er seinen halb fiktiven Alexander von Humboldt klagen. "Man wolle wissen, wohin man reite. - Aber das wisse man doch, rief Bonpland. Hier sei die Landstraße, und sie führe nach Madrid. Mehr brauche man nicht! - Um die Straße gehe es nicht, antwortete Humboldt. Es gehe ums Prinzip."

Dieses "Prinzip" ist das Problem. Soll eine Landkarte nur zeigen, was man braucht, oder die ganze Welt, wie sie ist? Sie ist ja eine Kugel, und eine Kugeloberfläche kann man nicht verzerrungslos flach streichen. Darum war es ein solcher Durchbruch für Kartenzeichner und Entdecker, als Gerhard Mercator im Jahre 1569 immerhin die erste "winkeltreue" Weltkarte gelang. Auf ihr steht die Linie zwischen zwei Punkten (die "Loxodrome") immer im gleichen Winkel zur Nord-Süd-Richtung wie in Wirklichkeit. Der Reisende, der Händler, der Entdecker braucht nur eine Linie zum gewünschten Ziel zu ziehen, ihren Winkel zu messen und seinen Weg im gleichen Winkel zum Kompass zu halten. Der richtige Kurs ist dann garantiert - unerlässlich, wenn man sich auf dem Meer bewegt statt auf einer Straße, wo man "sowieso weiß, wohin man kommt".

Für so etwas hätten auch weiterhin Zweckkonstrukte genügt wie die römische Straßenkarte des Castorius, die sich in einer mittelalterlichen Kopie unter dem Namen "Peutingersche Tafel" erhalten hat. Sie zeigt das Imperium Romanum mit rund 3 500 Ortschaften und einem Straßennetz von rund 110 000 Kilometern, zusammengedrückt auf 34 Zentimeter Breite und sieben Meter Länge. Nach heutigem Verständnis ist das höchstens ein Wegeschema wie die Liniennetze der Verkehrsverbünde: Man sieht nur das Dass, nicht das Wie - nicht die Sehenswürdigkeit neben der Strecke, nicht die Abkürzung zu Fuß zwischen zwei Stationen.

Dieser "Blick nach außen" bleibt die Stärke des Mediums Landkarte auch gegen die Konkurrenz digitaler Navigationssysteme. Um rund fünf Prozent pro Jahr schrumpft der Gesamtmarkt für kartographische Printprodukte, schätzt Ralf Ueding, Geschäftsführer des ADAC-Verlags. "Wir gehen aber nicht davon aus, dass Navigationssysteme die gedruckte Kartographie vollständig ersetzen werden."

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