Kat für die Salpetersäure-Industrie
Gegen Lachgas - fürs Klima

Schon mit 15 Jahren hatte Uwe Jantsch den Bogen raus: "Die richtige Mischung, Brenner drunter und schon hatte man tolle Wunderkerzen." Damals experimentierte er mit seinem Chemiebaukasten - ein prägendes Erlebnis für den heute 47-Jährigen. Jetzt hat der Tüftler einen Katalysator gegen Lachgas erfunden. Damit tut der Chemieingenieur eine Menge für den Klimaschutz.
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Seit seinem ersten Kontakt hat die Chemie Uwe Jantsch nicht mehr losgelassen. 30 Jahre nach den ersten Versuchen hat er als Chemieingenieur beim Hanauer Unternehmen Heraeus ein Produkt entwickelt, das dank chemischer Prozesse die Umwelt schützt. In der Hand hält Jantsch eine Kassette mit kleinen Edelmetallkügelchen - einen Lachgas-Katalysator.

Lachgas? Den meisten Menschen ist der kuriose Stoff vor allem als Narkose- oder Rauschmittel bekannt. Jantsch hat es als Kicherhilfe noch nie ausprobiert. "Diese Wirkung ist ja bekannt", sagt Jantsch lächelnd. Was weniger spaßig ist: Lachgas trägt in der Atmosphäre 310 Mal stärker zur globalen Erwärmung bei als Kohlendioxid. Hauptsächlich entsteht das Gas als Nebenprodukt bei der Herstellung des Düngemittel-Vorprodukts Salpetersäure. 1,2 Millionen Tonnen Lachgas strömen pro Jahr in die Luft. Das entspricht dem Kohlendioxid-Ausstoß von 80 Millionen Autos.

Jantsch will mit seiner Erfindung das unterschätzte Treibhausgas eindämmen. "Es ist ein persönliches Highlight, dass ich etwas entwickelt habe, was sich verkaufen lässt und gleichzeitig auch noch die Umwelt schont", sagt Jantsch. Ehrlich bekennt der Chemieingenieur: Umweltschutz war nicht die eigentliche Triebfeder seiner Forschung. Es ging vielmehr um höhere Effizienz bei der Salpetersäure-Herstellung.

In einer Hanauer Edelmetallküche, die auch glatt als Wäscherei durchginge, mischen die Heraeus-Experten milligrammgenau Platin mit Elementen wie Rhodium. Das Ziel sind haarfeine Netze, die in der Salpetersäure-Herstellung unabdingbar sind (siehe Grafik). Beim Versuch, diese Netze zu optimieren, stieß Jantsch darauf, wie er durch Metallkombinationen den Lachgas-Gehalt reduzieren kann. Daraus spann er die Idee, einen eigenen Sekundär-Katalysator zu entwickeln.

Hinter seinem nussbraunen Schreibtisch hat Jantsch den firmeneigenen Innovationspreis aufgehängt. Ein kleines Indiz für seinen Stolz, den er sonst gerne verbirgt. Seine Schilderungen sind nüchtern und auf die chemischen Zusammenhänge gerichtet. Mit eigenen Leistungen hält der Wissenschaftler lieber hinterm Berg. Dabei war der Weg bis zum fertigen Katalysator steinig: Immer wieder aufs Neue musste Jantsch Metallmischungen ausprobieren - er tastete sich vorwärts, zig Dutzende Male dieselben Tests: Wie stabil sind die Mischungen? Und wie sicher zerstören sie das Lachgas? "Das war eine Sisyphos-Arbeit", sagt er.

Durchhalten - diese Tugend hat Jantsch schon weitergeholfen, als er am Institut für elektrochemische Verfahrenstechnik in Köthen promovierte. Damals existierte die DDR noch. Tagsüber machte Jantsch Untersuchungen im Labor, abends entwickelte er auf ihrer Grundlage mathematische Modelle. "Ich hab das gern gemacht, die Zeit ist wie im Flug vergangen, plötzlich war es ein Uhr nachts", sagt er.

Dann kam ein Punkt in seinem Leben, als er dachte, alle Arbeit könne umsonst gewesen sein. 1989 fiel die Mauer. "Hoffentlich kann ich meine Promotion jetzt noch zu Ende machen, ging mir durch den Kopf. Ich hatte ja keine Ahnung, wie es weitergeht", sagt Jantsch. Davon, wie es drüben aussah, hatte er keine Vorstellung. Als er dann das erste Mal im Westen war, sei er von der Angebotsvielfalt überwältigt gewesen. "Das konnte man gar nicht alles aufnehmen, die Verarbeitung kam erst später."

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