Katastrophenforschung
Des Menschen Werk und Gottes Beitrag

Bisher betrachteten Forscher Katastrophen wie das Beben von San Francisco 1906 oder den Tsunami im Indischen Ozean als rein physikalisches Geschehen, das technische Lösungen erfordert. Nun untersuchen Historiker erstmals epochen- und raumübergreifend das Phänomen der Naturkatastrophen und legen ihr Augenmerk auf das menschliche Handeln.

GENF. Am 2. Dezember 1755 schockte die "Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten" ihre Leser. Die Gazette berichtete über ein Erdbeben, das einen Monat zuvor Lissabon zerstört hatte: Eine Katastrophe sei über die Metropole hereingebrochen, die ihre "Wirkungen mit den fürchterlichsten Umständen und den unglücklichsten Folgen geäußert habe". Zehn Tage später legte die Zeitung nach. Die Kapitale Portugals "ist gegenwärtig nichts als ein Steinhaufen, worunter mehr als 100 000 Menschen lebendig begraben werden".

Die Heimsuchung am Südwestrand Europas provozierte im Zeitalter der Aufklärung eine Debatte über den "Tod des Optimismus", erklärt der Göttinger Kulturwissenschaftler Gerhard Lauer. Und sie gilt bis heute als eines der großen Einzelfelder der Katastrophenforschung - neben dem Ausbruch des Vesuvs 79, dem Beben von San Francisco 1906 oder dem Tsunami im Indischen Ozean.

Jetzt wagt sich erstmals eine Gruppe von Geschichtswissenschaftlern an eine epochen- und raumübergreifende Erfassung von Naturunglücken. Das Netzwerk Historische Erforschung von Katastrophen in kulturvergleichender Perspektive untersucht die Zeit von der Antike bis zur Gegenwart. Die Fachleute sollen möglichst viele Regionen der Welt einbeziehen.

"Wir wollen das geographisch, historisch und von den Katastrophentypen her breite Spektrum an Einzelstudien zusammenführen", sagt Netzwerker Gerrit Schenk von der Universität Stuttgart. "Dabei verstehen wir Katastrophen nicht als rein physikalisches Geschehen, das technische Lösungen erfordert, sondern in erster Linie als Ergebnis menschlichen Handelns."

Die Wissenschaftler, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, sollen sich zunächst für zwei bis drei Jahre mit dem Schicksal früherer Generationen befassen. Dabei wollen sie Material sammeln, das bei der Vorbeugung kommender Katastrophen hilfreich sein kann: "Wir können durch den Blick zurück die Geschichte zur Zukunftswissenschaft machen", hofft Schenk.

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