Kernenergie
100 000 Schüsse pro Sekunde

Es klingt nach Alchemie - doch statt Blei zu Gold wollen Dresdner Kernforscher gefährlichen Atommüll in ungefährlichen verwandeln. Dazu nehmen sie die nukleare Altlast auf ganz besondere Weise unter Beschuss. Das Verfahren könnte die meisten Endlager überflüssig machen.

BERLIN. Dresden forscht am Stein der Weisen: So wie einst die Alchemisten Blei zu Gold machen wollten, versuchen die Wissenschaftler im Forschungszentrum Dresden-Rossendorf heute, gefährlich strahlenden Atommüll in ungefährlichen umzuwandeln. Während die Alchemisten durch das Kochen verschiedener Tinkturen unedle in edle Stoffe verwandeln (lat. „transmutare“) wollten, widmen sich die Kernforscher heute der modernen Variante der Transmutation: der Entschärfung strahlender Materialien durch schnelle Neutronen.

„Die Idee ist schon älter“, sagt Andreas Wagner vom Forschungszentrum Dresden und meint damit: Sie entstand schon in den fünfziger Jahren, lange bevor man sich Gedanken über radioaktiven Müll machte. Bis heute jedoch hapert es an der technischen und wirtschaftlichen Umsetzung des Konzepts. Mit der reinen Physik sei man schon recht weit, sagt Wagner, doch für die praktische Umsetzung brauche man bessere Wirkungsgrade. In Dresden will man nun sozusagen am Feintuning arbeiten, und zu diesem Zweck ist Ende 2007 dort der Elektronenbeschleuniger „Elbe“ in Betrieb gegangen.

Das Atommüll-Problem beruht im Wesentlichen auf den Eigenschaften von stark radioaktiven Stoffen, die beim Betrieb eines Kernkraftwerks entstehen. Alle radioaktiven Materialien strahlen, weil ihre Atome instabil sind und beim Zerfall ständig Teilchen aus ihrem Inneren freigeben. Bei manchen Stoffen geht dieser Zerfall sehr schnell, andere dagegen strahlen viele Tausend Jahre lang.

Um Schäden für die Umwelt zu vermeiden, müsste man sie aus der Biosphäre so lange fernhalten, bis sie zerfallen sind. Und obwohl auf der ganzen Welt Endlager geplant sind, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen, ob der Müll in diesen Lagern für die Dauer des Strahlens sicher eingeschlossen ist.

Also stapelt sich der Atommüll in Zwischenlagern, während gleichzeitig die Kernenergie dank Klimawandel und CO2-Debatte weltweit wieder in Mode kommt. Das Problem schreit geradezu nach einer Lösung – kein Wunder, dass auch die Forschung auf dem Gebiet der Transmutation neuen Auftrieb bekommt. In Dresden will man nun herausfinden, mit welcher Energie Neutronen unterwegs sein müssen, um verschiedene hochradioaktive Stoffe umzuwandeln. „Im Januar haben wir erste Kalibrierungsversuche durchgeführt, um die Anlage kennenzulernen“, erzählt Wagner.

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