Kognitionsforschung
Was schlaue Babys denken

Überraschungen erlebt die Entwicklungspsychologie in letzter Zeit ziemlich oft – vor allem bei den ganz Kleinen. Neurologen untersuchen die geistigen Fähigkeiten von Säuglingen und stellen fest: Sie sind offenbar viel intelligenter, als man bisher dachte.

DÜSSELDORF. Roberts Urteil lässt keine Zweifel offen. Mit dem fiesen Kerl, der da gerade einen Kletterer den Berg hinunterbefördert hat, will er nichts zu tun haben. Da beschäftigt sich Robert doch lieber mit dem anderen Typ. Dem, der den Kraxler bei seinem Gipfelsturm durch einen helfenden Schubs unterstützt hat.

Damit tut Robert eigentlich nur, was wir alle tun: eine Person einschätzen – anhand des Aussehens, des Verhaltens und vor allem am Umgang mit anderen – und so beurteilen, ob die Person ein verlässlicher Partner sein könnte oder nicht. Das Erstaunliche: Robert ist gerade einmal sechs Monate alt.

Dass er schon in diesem Alter zwischen Freund und Feind unterscheidet und daraus auch seine Konsequenzen zieht, überraschte selbst die Forscher, die den Zwerg um ein moralisches Urteil gebeten hatten. „Dass Babys dies tun können, ist unglaublich beeindruckend“, so Kiley Hamlin von der Yale-Universtät. „Es zeigt, dass wir essenzielle sozialen Fähigkeiten haben, die auch ohne viel explizites Lehren zutage treten.“

Überraschungen erlebt die Entwicklungspsychologie in letzter Zeit ziemlich oft – vor allem bei den ganz Kleinen. „Babys sind viel schlauer, als man gedacht hat“, sagt Tricia Striano, die knapp vier Jahre lang das Leipziger Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften leitete. „Ihre geistigen Fähigkeiten wurden völlig unterschätzt.“

Als unbeschriebene Blätter galten Neugeborene bisher. In den ersten Monaten seien sie zu kaum mehr in der Lage, als die über die Sinnesorgane hereinprasselnden Informationen ungefiltert aufzunehmen. Zu komplexen kognitiven Leistungen – etwa ein Ereignis mit einer Ursache zu verbinden – sei der Nachwuchs frühestens mit einem Jahr fähig, dachte die Zunft lange und konzentrierte ihre Forschungsbemühungen entsprechend auf diese Altersgruppe.

Das ist inzwischen anders. Vor allem in den USA, aber auch in Deutschland wurden sogenannte Baby-Labs aus der Taufe gehoben. Quintessenz der Forschungsergebnisse: Babys sind weit mehr als Datensammler, die ihre Erfahrungen ungefiltert abspeichern. Vom ersten Schrei an haben wir Menschen das mentale Equipment, um dem Chaos um uns herum einen Sinn zu geben und zu verstehen, wie die Welt funktioniert.

Gewisse physikalische Grundgesetze etwa scheinen uns in die Wiege gelegt, beispielsweise das Kontinuitätsprinzip. So folgern Babys, die einen kullernden Ball sehen, dass dieser weiterrollen wird. Sie wissen auch, dass der Ball, wenn er hinter eine Abschirmung rollt, auf der anderen Seite wieder auftauchen sollte. Völlig ohne Mathe-Unterricht bewältigen Kinder einfache arithmetische Aufgaben – und zwar bereits im zarten Alter von sechs Monaten.

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