Kopf-Airbag
Gutes Design ist unsichtbar

Hövding wiegt zwar doppelt so viel wie ein Fahrradhelm, doch der Helm-Airbag folgt konsequent dem Dogma von Lucius Burckhardt: unsichtbar – zumindest auf den ersten Blick. Die banale Erkenntnis, das Frauen damit ihre Frisur schonen, ist nur die Spitze des Eisbergs.
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Seit den Pionieren des Bauhaus ist der Minimalismus ein beliebtes Design-Kriterium. Seine Maximierung aber treibt mittlerweile seltsame Stilblüten: Das Gegenständliche verschwindet aus allen Bereichen unseres Lebens. Wer will, kann sich mit dem Nationalökonomen und Soziologen Lucius Burckhardt trösten: „Gutes Design ist unsichtbar“, sagte der Schweizer und leitete damit einst einen Paradigmenwechsel ein.

Auf dem iPad gibt es keine Tasten mehr zu drücken, keine Kugel mehr zu rollen. Man glaubt, den Inhalt direkt zu berühren. Wo sich früher heißes und kaltes Wasser aus zwei schnöden Wasserventilen ergoss, fließt heute, per Sensor gesteuert, das Wasser scheinbar von selbst aus dem Hahn. Unsichtbares Design ist nicht unbedingt fehlerfrei, doch stets hat man das Gefühl, an einem kleinen Wunder zu partizipieren.

Doch gilt: Keine Bewegung ohne Gegenbewegung, vor allem nicht in der Kunst. Um nicht gänzlich zu verschwinden, zelebrieren sich alltägliche Gegenstände in auffälligerer Form. In irrer Geschwindigkeit entwickeln Designer neue Stile und Gegenstile, blasen Formen auf, formieren Proportionen um, schaffen Farben, um Gegenstände präsenter wirken lassen. Nicht nur das Auto ist Opfer dieses Rehabilitationsversuchs, die Bandbreite schwankt zwischen Futurismus und Retromobil. Eine Reise zu Saturn oder Media Markt lässt Stabmixer wie Aliens, Staubsauger wie Roboter, Kaffeemaschinen wie Kraftwerke aussehen.

Um unter dem Gegenstandsberg nicht vergraben zu werden, kämpft auch der Mensch um Sichtbarkeit: Er kommuniziert häufiger und lauter und vervielfältigt sich im „Social Network“, zudem trägt er glänzende und reflektierende Oberbekleidung. Dies erklärt den wichtigsten Trend des Jahrhunderts: Das Streben nach Sicherheit.

Im Name der allgegenwärtigen sozialen Korrektheit wagt niemand, diesen Anspruch zu hinterfragen. Nach der Helmpflicht für Motorradfahrer verordnen die Staaten auch ihren Radfahrern Sicherheits-Kopfbedeckungen. Am Ende denken sich eifrige Sicherheitsfanatiker womöglich noch eine Helmpflicht für freilaufende Kinder aus. Und was bleibt für die Erwachsenen?

Terese Alstin und Anna Haupt, zwei schwedische Designerinnen, haben ein Schutzkonzept auf der Technischen Messe in Stockholm präsentiert, um das Leben der erwachsenen Radfahrer zu revolutionieren. Hövding, „Häuptling“, heißt der dicke, aber modisch verkleidete Halskragen, in dem sich ein Kopf-Airbag verbirgt. Registrieren die Sensoren einen Sturz, so bläst sich daraus ein umfassendes Luftkissen auf. Es bietet weit mehr Schutz als herkömmliche Fahrradhelme.

Hövding wiegt zwar doppelt so viel wie ein Fahrradhelm, doch der Helm-Airbag folgt konsequent dem Dogma von Lucius Burckhardt: unsichtbar – zumindest auf den ersten Blick. Die banale Erkenntnis, das Frauen damit ihre Frisur schonen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Hövding lässt Menschen wie Menschen fühlen, sehen und aussehen. Schließlich möchte kaum jemand so leben, wie ein Astronaut im All.

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