Krebs-Früherkennung
Gefahr falscher Befunde

Jede zehnte Frau in Deutschland erkrankt an Brustkrebs. Damit die Überlebenschancen steigen, hat die Bundesregierung die erste flächendeckende Früherkennung für rund 10,4 Millionen Frauen veranlasst, sie soll bis März 2008 abgeschlossen sein. Doch die Methode ist höchst umstritten.
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Anfang Juli erhalten Frauen im badischen Karlsruhe, im bayrischen Rosenheim und im rheinischen Aachen Post. Absender ist die sogenannte Zentrale Stelle Mammographie-Screening. Sie lädt alle Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren ein, die Brust auf versteckte Karzinome röntgen zu lassen, Fachwort: Mammographie. Die erste flächendeckende Früherkennung von Brustkrebs für rund 10,4 Millionen Frauen in Deutschland soll bis März 2008 abgeschlossen sein. Das kostet die Gesundheitskassen rund 250 Millionen Euro. In Zukunft soll sie alle zwei Jahre erfolgen. Die Ausgaben scheinen gerechtfertigt, weil jede zehnte Frau an Brustkrebs erkrankt. Beschlossen hatte der Bundestag das Massenscreening bereits 2002. Die Krankenkassen und die Selbstverwaltung der Ärzte sollen sicherstellen, dass kein Gynäkologe und Radiologe die Frauen mit veralteten Röntgengeräten untersucht und die Mediziner zudem über genügend Erfahrung verfügen, die Untersuchungsergebnisse richtig zu deuten. Da lag früher vieles im Argen. Mit dem Mammographiescreening soll die Sterblichkeit bei Brustkrebs in Deutschland um 20 bis 30 Prozent sinken.

Doch auch an dem jetzigen Procedere gibt es Kritik. Während Länder wie Island, Finnland, Norwegen, England oder die Niederlande schon seit Jahrzehnten auf ein zentrales Screening setzen, arbeiten die Deutschen dezentral. Beim zentralen Screening werten wenige erfahrene Radiologen die Daten aus. In Deutschland verteilen sich die Untersuchungen auf rund 100 Screeningzentren, in denen die Ärzte dieses Wissen erst langsam ansammeln. Nur wenige Unikliniken und spezialisierte Brustzentren wurden zugelassen, obwohl sie in der Regel über eine bessere Ausstattung verfügen als niedergelassene Ärzte, die in den meisten Fällen die Mammographien durchführen werden. Die Radiologin Christiane Kuhl, Professorin an der Universitätsklinik Bonn, ärgert das: „Wenn die Universitätskliniken von der Patientenversorgung abgeschnitten werden, behindert das die Forschung und die Ausbildung von Radiologen." Kuhl hat namens der Deutschen Radiologischen Gesellschaft auf die Mängel aufmerksam gemacht.

Ein weiteres Problem sind falsche Befunde. Öfter werden ältere Frauen operiert, obwohl die diagnostizierte Gewebeveränderung harmlos war. Das zeigen anschließende Gewebeuntersuchungen im Labor. Zudem gibt es mit der Magnetresonanztomographie (MRT) und Kernspintomographie Methoden, die zuverlässigere Ergebnisse liefern als das Röntgen. Das belegt eine aktuelle Langzeitstudie von Kuhl mit rund 5 000 Frauen. Bei 167 wurde mittels MRT Brustkrebs in einem frühen Stadium sicher diagnostiziert. Die Kernspin erkannte 153 Erkrankungen, die Mammographie nur 97.

Dagegen hält Wolfgang Aubke am Röntgen fest. Aubke ist Chef der Kooperationsgemeinschaft Mammographie, die den bundesweiten Reihentest organisiert. „Die Methode senkt nachweislich die Sterblichkeit bei Brustkrebs." Die Überlegenheit von MRT oder Ultraschall sei wissenschaftlich nicht erwiesen. Unbestritten ist, dass die Magnetresonanztomographie die Ausgaben für das Massenscreening deutlich verteuern würde: Sie kostet mit 400 Euro je Untersuchung rund viermal so viel wie eine Mammographie.

In dem Schreiben, das die Frauen zunächst in den Pilotstädten dieser Tage erhalten, steht von der Gefahr falscher Befunde nichts. David Klemperer vom Deutschen Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin vermutet, um die geplante hohe Beteiligung von 70 Prozent an dem Screening nicht zu gefährden. Er kritisiert die Entscheidung: „Jede Frau muss die Möglichkeit haben, ihre Entscheidung gut informiert zu treffen."

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