Krebstherapie: Den Tumor in den Selbstmord treiben

Krebstherapie
Den Tumor in den Selbstmord treiben

Das nächste große Ding im Kampf gegen Krebs: Forscher setzen große Hoffnungen in ein spezielles Protein Namens „Trail“. Das körpereigene Eiweiß treibt die Krebszellen in den Selbstmord. Erste Tests mit Ratten und Mäusen sind bereits angelaufen.

DÜSSELDORF. Das Ergebnis ihres Experiments versetzte Krebsforscherin Ingrid Herr in helle Aufregung: In einer Apparatur, die einer Sanduhr ähnelt, saßen im oberen Glasbehälter Stammzellen aus dem Knochenmark, im unteren Krebszellen der Bauchspeicheldrüse, beide getrennt durch eine Membran. Eigentlich dürfte sich nichts rühren. Die Stammzellen sind zu leicht, als dass sie, einfach der Schwerkraft folgend, nach unten rutschen könnten. Aber schon nach wenigen Minuten sah Herr, wie die Stammzellen zu den bösartigen Zellen hinunterwanderten. Mehr und mehr drangen in den Tumor ein.

„Möglicherweise werden die Zellen von bestimmten Stoffen aus dem Krebs angelockt“, spekuliert die Wissenschaftlerin von der Universitätsklinik Heidelberg über ihre Beobachtung. „Aber im Grunde wissen wir nicht, was die Wanderung auslöst.“ Die ungewöhnliche Entdeckung eröffnete für die Wissenschaftlerin einen möglichen neuen Therapieweg gegen Krebs.

Gewöhnlich werden Stammzellen aus dem Knochenmark bei einer Verletzung mobilisiert. Sie wandern zur Wunde und ersetzen als Retter in der Not das zerstörte Gewebe. „Ist der Tumor vielleicht so etwas wie eine nie heilende Wunde?“ überlegt Herr. Eine Frage, die noch niemand beantworten kann.

Die magische Anziehungskraft zwischen Krebs und Stammzellen beobachtete Herr nicht nur im Reagenzglas, sondern auch in krebskranken Mäusen. Als sie den Tieren farbig markierte Stammzellen ins Blut spritzte, sammelten sich diese im Geschwür, wie die Heidelbergerin im vergangenen Jahr auf dem 39. Kongress des Europäischen Pankreas-Klubs in Newcastle berichtete. Auf der Tagung wurde sie mit dem ersten Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet, weil auch ihre Kollegen das Potenzial ihrer Entdeckung erkannten.

„Die Stammzellen könnten als Vehikel für Medikamente dienen“, schildert Herr ihre Idee. Eigenständig pilgern die Knochenmarkszellen in den Tumor, um an Ort und Stelle zum Beispiel ein Arzneimittel freizusetzen. Oder einen Stoff, der als das nächste große Ding in der Krebsforschung gehandelt wird: ein Protein mit Namen „Trail“, ein körpereigenes Eiweiß, das die Immunabwehr selbst schon gegen Krebszellen einsetzt. Die Abkürzung „Trail“ steht für einen unaussprechlichen Namen: „Tumornekrosefaktor zugehöriger, Apoptose induzierender Ligand.“ Der Name erklärt, was Trail mit Krebszellen macht: Es treibt sie gezielt in den Selbstmord, indem es ein Selbstzerstörungsprogramm auslöst, sobald es an die Zellen andockt.

Seite 1:

Den Tumor in den Selbstmord treiben

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%